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Waldemar, Jojo und der Weltenbaum (Teil 1)

Ingo Laabs (Autor) – BeitragVerfasst am: 30.12.2009, 23:25 – Waldemar, Jojo und der Weltenbaum (Teil 1)
Im finstern Tal

Als Waldemar erwachte, war um ihn herum Finsternis. Es war nicht nur dunkel, sondern die Finsternis war quellend. Schwarzer Brodem versuchte, ihn zu umschließen, in ihn einzudringen, um ihn von innen her zu zerreißen. Er wollte schreien, aber nur ein klägliches röchelndes Jammern entfuhr ihm. Was war mit ihm geschehen? Was hatte das Schreckliche zu bedeuten, in das er hineingeraten war? Bei jedem Atemzug, den er tun wollte, schmerzte sein Hals fürchterlich, und er konnte sich kaum rühren. Arme und Hände gehorchten ihm nicht, auch die Beine vermochte er nicht anzuheben. Es war, als wäre er gefangen in einem riesigen, giftigen Eisblock.
Die Zeit verstrich. Ja, gab es hier überhaupt so etwas wie Zeit, oder war das die Ewigkeit, eine ewige Verdammnis der Hölle? Die peinigenden Schmerzen wurden immer schlimmer. Es gab kein Entkommen vor ihnen. Niemand war da, der ihm helfen konnte. Er war allein, vollkommen allein. Dieser Gedanke war für ihn schier unerträglich, und dennoch drängte er sich mit solcher Heftigkeit in sein Bewusstsein, dass er meinte, sein Kopf müsste davon zerspringen. So sehr er auch nachdachte, er hatte keine bewussten Erinnerungen an eine Zeit vor dieser Finsternis. Sollte sie tatsächlich schon immer da gewesen sein und für immer andauern?
Plötzlich vernahm er um sich herum Stimmen. Es waren heulende, dämonische Stimmen, sie mussten von seinem Jammern vorhin angelockt worden sein. Manche von ihnen schrieen in fremden Sprachen, und sie kamen immer näher. Auch war von allen Seiten auf einmal ein durchdringendes Schnüffeln zu hören. Unsichtbare Wesen drängten sich heran und stupsten ihn mit feuchten, schleimigen Schnauzen. Kleine spitze Zähne versuchten, sich festzubeißen. Waldemars Angst und Entsetzen waren namenlos. Es gab für ihn keine Möglichkeit, diesem Entsetzen Ausdruck zu verleihen, und so verharrte er in stummem Grauen. Völlig hilflos wartete er darauf, dass sich die Kreaturen an seinem Körper und seiner Seele gütlich taten.
An seinen Beinen und Hüften hingen sie bereits zu mehreren und knurrten.
Ein nagetierartiges Gebiss schnappte nach seiner rechten Hand und versuchte, sie zu fressen. Stechende Schmerzen durchzuckten ihn. Da bekam er mit einem Mal wieder ein wenig Gewalt über seinen Körper. Er riss die Hand zurück und versuchte, die Bestie abzuschütteln. Nach einer Weile gelang ihm das auch, und er schleuderte sie zurück in die Finsternis. Doch wie sollte er die restlichen loswerden, von denen, wie es schien, immer mehr kamen?
Unwillkürlich griff er sich mit der freigewordenen Hand an den schmerzenden Hals. Da stellte er überrascht fest, dass er einen Beutel trug, der aus Leder sein musste. Darin befand sich etwas mit mehreren stumpfen Spitzen, die er durch das Leder hindurch fühlen konnte. Aus dem Beutel strömte eine seltsame Energie in seine verletzte Hand und weiter durch seinen ganzen Körper. Die Wesen, die sich an ihm festgebissen hatten, ließen heulend von ihm ab und zogen sich zurück. Allmählich breitete sich Stille um ihn herum aus. Vor Erleichterung und Dankbarkeit hätte Waldemar am liebsten angefangen zu weinen.
Als er nach einer Weile seinen Blick nach oben richtete, meinte er, das erste Mal in der Schwärze etwas erkennen zu können. Über ihm zeichnete sich, obschon verschwommen, ein gewaltiger Baum ab. Eine Eiche, war sein erster Gedanke. Daran hing eine Gestalt in braungrüner Kleidung, ihr Gesicht war unkenntlich. Es schien ein Jäger zu sein.
Das Bild machte auf Waldemar einen starken Eindruck und wühlte ihn innerlich auf. Der Erhängte weckte Erinnerungen in ihm. Sie waren allerdings so vage, dass er sie nicht zu fassen vermochte. Je länger er das Bild betrachtete, desto mehr hatte er den Eindruck, dass dahinter noch ein weiteres Bild zu sehen war, welches von dem ersten wie ein Luftgebilde überlagert wurde. Da war ein Balken auf einem Dachboden, an dem ebenfalls eine Gestalt hing. Und diese Gestalt – kam ihm bekannt vor! Hatte er selber nicht einmal so ausgesehen, in einer Zeit, die nun vergessen war? Vor Grauen kroch er in sich zusammen. Was um alles in der Welt war nur mit ihm geschehen?

Während er auf die beiden Schemen starrte und über sie nachgrübelte, fühlte er sich mit einem Mal am Kragen gepackt und hochgehoben. Kurz darauf griffen seine Hände in nasses, stinkendes Fell, sein Kopf versank fast darin.
„Halt dich fest“, schrie eine Stimme von hinten. Das pelzige Etwas unter ihm begann sich zu bewegen, vorwärts zu hasten. Ein wütendes Fauchen ertönte von allen Seiten. Das mussten die Dämonen sein, die noch überall in der Dunkelheit lauerten.
„Halt dich gut fest“, schrie die Stimme wieder, und dann rasten sie durch die Finsternis.
Obwohl es Waldemar vor dem nassen Pelz ekelte, klammerte er sich, so gut er konnte, hinein.
Zwei Arme hielten ihn von hinten umfasst. Während er durch die sich bewegende Kreatur unter ihm gehörig durchgeschüttelt wurde, kniff er die Augen fest zu. Wie lange er so verharrte, konnte er nicht sagen.
Mit einem Mal streifte ihn ein kalter Windzug. Die Arme ließen ihn los, und er wurde auf die Schulter getippt.
„Steig ab!“
Vorsichtig öffnete Waldemar die Augen. Im Zwielicht, das jetzt herrschte, konnte er unter sich eine riesige Ratte erkennen, auf der er geritten war. Schleunigst glitt er von ihrem Rücken hinunter und stolperte von dem Ungeheuer weg. Das Tier, seiner Bürde ledig, verschwand sofort wieder in einem schwarzen, stinkenden Rohr, aus dem es gerade geklettert sein musste. Ein teeriges Rinnsal floss hinaus, und tief im Innern waren noch leise Stimmen zu hören. Waldemar schauderte.
Nun fiel sein Blick das erste Mal auf seinen Mitreiter, der ihn aus der furchtbaren Finsternis befreit hatte. Er stand ein wenig abseits, ein schmächtig wirkender Junge mit kurzem, braunem und strubbeligem Haar. Sein graues T-Shirt, auf dem ein orangeroter saturnartiger Planet abgebildet war, und seine dunkelblauen Jeans hatten durch den Ritt etwas gelitten.
Waldemar traute seinen Augen nicht, als er ihn sah, denn wieder war eine Erinnerung in seinem Kopf aufgetaucht. Zögernd machte ein paar Schritte auf ihn zu.
„Jojo, bist du ´s?“, fragte er leise.
„Ja, ich bin es, Waldemar“, bestätigte der Junge, „aber komm, wir müssen schnell weg von hier, denn jeden Moment kann Böses aus dem Rohr hinausgekrochen kommen.“
Er wandte sich um, winkte ihm mit der Hand und lief und kletterte dann seitlich den Abhang hinauf, aus dem das Rohr herausragte. Waldemar folgte ihm, obwohl er einige Schwierigkeiten hatte, sich in seinem Körper, der sich steif und ungelenkig anfühlte, zurechtzufinden.
Schließlich erreichten sie einen kleinen Busch und ließen sich dahinter nieder. Vor ihnen lag ein düsteres, verödetes Tal.
„Von hier haben wir den besten Überblick. Ich hoffe, dass wir einigermaßen sicher sind“, sagte Jojo etwas außer Atem. „Ich freu mich, dich wiederzusehen, obwohl die Umstände alles andere als glücklich sind.“
„Kannst du mir vielleicht sagen, was passiert ist?“, fragte Waldemar. „Wo sind wir hier?“
Da schaute ihn Jojo mit großen, ernsten Augen an.
„Wo du hier bist, Waldemar, willst du wissen? Nun, du bist in der Unterwelt, denn du hast dir das Leben genommen!“

Ein langes Schweigen folgte seinen Worten. Wie ein Schlag hatte der letzte Satz Waldemar getroffen. Er war kreidebleich geworden und wusste nichts zu erwidern.
„Ja, es ist wahr“, ließ sich Jojo schließlich wieder vernehmen. „Und das hättest du nicht tun sollen. Der Herr der Welten hat dir das Leben geschenkt; so etwas wirft man nicht einfach fort!“
„Wie... wie...“, stotterte Waldemar. „Davon weiß ich nichts mehr.“
„Das ist richtig“, sagte Jojo, „die Erinnerung erlischt nach so einer Tat und kann nur sehr mühsam und schrittweise wiederhergestellt werden. Als du noch auf der Erde lebtest, glaubtest du, dass das Unglück, das du dort erleiden musstest, grenzenlos wäre: starke, lähmende Ängste, das Zerbrechen von Freundschaften und Familienverband, Gefühle absoluter Wertlosigkeit und noch mehr. Aber es war nur eine Prüfung, die noch einige Jahre angedauert hätte. Der Herr der Welten wollte, dass du dich aus alten, unheilvollen Verstrickungen löst, um ein neues Bewusstsein zu erreichen. Du solltest ein Heiler werden, der andere verlorene Menschenseelen rettet. Aber das ist jetzt in weite Ferne gerückt. Nun müssen wir sehen, wie wir uns durchschlagen. Ich bin froh, dass mir erlaubt wurde, bei dir zu sein, denn dein Weg wird hart und gefahrvoll werden. Wir dürfen uns auch nicht mehr lange aufhalten. Das Tal der Schatten, das vor uns liegt, birgt große Gefahren. Bevor die völlige Dunkelheit hereinbricht, müssen wir es durchquert haben.“
Jojo erhob sich vorsichtig und spähte umher. Waldemar saß zusammengesunken wie ein Häufchen Elend neben ihm und zitterte am ganzen Leib. Jojo redete ihm gut zu und half ihm auf die Beine, doch es dauerte noch eine Weile, bis er soviel Kraft aufbrachte, dass sie ihren Weg fortsetzen konnten.
Schließlich stiegen sie vorsichtig den Abhang hinunter. Das Tal schien mit rötlichem Schlamm bedeckt zu sein, der ein ungesundes Leuchten ausstrahlte. Einige verkrüppelte Büsche wuchsen daraus hervor. Ein kleiner, schmaler Pfad schlängelte sich zwischen ihnen entlang.
Jojo führte Waldemar zu diesem Pfad hin, immer auf das Abflussrohr achtend, dem sie entflohen waren. Einige Riesenratten schlüpften da hinaus und hinein, aber kümmerten sich nicht weiter um sie.
Die Luft brannte wie giftiges Feuer in der Nase. Waldemar keuchte. Sein Oberkörper fühlte sich wie Blei an, in seiner Seele tobten furchtbare Schmerzen. Schon nach wenigen Schritten spürte er, dass seine Kräfte wieder versagten.
„Jojo, ich kann nicht mehr.“
Jojo war einige Schritte vorausgegangen und wandte sich um. Seine Stimme drang zu Waldemar wie aus weiter Ferne. „Wir müssen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Aber Waldemar blieb immer weiter zurück. Schließlich machte Jojo kehrt und nahm ihn auf den Rücken. Doch das war nicht so einfach, sein schmächtiger Körper konnte ihn kaum tragen. Nur schleichend kamen sie vorwärts. Waldemar wusste, dass sie es auf diese Weise niemals schaffen würden, und so zwang er sich mit aller Willenskraft wieder auf die Beine.
Die Schatten, die dem Tal den Namen gegeben hatten, waren bereits dunkler und bedrohlicher geworden. Von überallher schienen sie auf die beiden einsamen Wanderer zuzukriechen.
Angst schnürte Waldemar die Brust zusammen, Angst vor dem, was hinter diesen Schwaden lauern mochte. Und seltsamerweise war es eine vertraute Angst, die er fühlte. Kannte er die Wesen, die sich dort möglicherweise im Dunkeln verbargen? Verfolgten sie ihn vielleicht schon seit undenklichen Zeiten, an die er keine bewusste Erinnerung mehr hatte?
In der Ferne vor ihm erblickte er jetzt etwas Schwarzes. Es sah so aus wie eine große Steinsäule, eine Art Menhir. Als sein Blick darauf fiel, strömte mit einem Mal eine unheilvolle Energie in seine Glieder, die, wie er mit Schaudern feststellte, irgendwo von außen kommen musste. Er konnte sich etwas schneller voranschleppen, aber verspürte dabei einen starken, unangenehmen Sog in der Brust. Es war der Stein, der ihn magisch anzog. Wieder machte sich ein dumpfes Gefühl von Vertrautheit in ihm breit.
Als sie die Säule erreicht hatten, starrte ihnen ein eingemeißeltes fratzenhaftes Gesicht entgegen. Seine Züge waren im Zwielicht nicht eindeutig zu erkennen. Fast schien es, als würden sie sich ständig verändern und je nach Bedarf eine beliebige dämonisch verzerrte Gestalt annehmen.
Waldemar blieb wie angewurzelt stehen, den Blick gebannt auf das Gesicht gerichtet. Er fühlte, dass seine Kräfte am Ende waren. Die unheilvolle Energie, die ihn bis hierhin gezogen hatte, war wieder aus seinem Körper gewichen.
„Wir müssen weiter“, trieb Jojo ihn an, aber Waldemar rührte sich nicht.
„Ich darf nicht länger warten“, rief Jojo, „ich wünschte, du würdest mit mir kommen.“
„Jojo, bitte bleib hier!“ Waldemars Ausruf glich einem Stöhnen, doch er konnte seinen Blick nicht von dem Steingesicht abwenden.
„Ich darf nicht!“, hörte er Jojos Stimme entfernt an sein Ohr dringen. „Ich werde weitergetrieben! Wenn du mit mir gehen willst, musst du mir folgen, sofort!“
„Jojo!“
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Jojo von einer Art Nebel ergriffen wurde und langsam durch das dämmrige Tal davonschwebte. Noch einmal rief er Waldemars Namen, dann war er verschwunden. Sein Platz wurde sofort von den schwarzen Schatten eingenommen, die mittlerweile dicht um Waldemar herumwaberten und nach ihm zu greifen schienen.
Er sah, dass sich hinter dem Stein ein mit fauligem Gras bewachsener Hügel wölbte. In diesem erkannte er eine Tür aus kalt und matt glänzendem silbrigem Metall. Kaum war sein Blick darauf gefallen, öffnete sie sich mit einem durchdringenden Summen.
Aus dem Hügel strömten Männer mit weißen Kitteln und einem irren Gesichtsausdruck. Sie rannten auf ihn zu, packten ihn an den Handgelenken und schleiften ihn ins Innere.
„Endlich bist du wieder da!“, krächzte ein glatzköpfiger Weißkittel mit stechenden Habichtsaugen. Hinter ihm schloss sich die Tür summend.


Der Hügel der Gottlosen

Waldemar wollte schreien, aber eine kalte, knochenlose Hand verschloss ihm den Mund. Von zweien der Männer wurde ein Bett herangeschoben. Sie zwangen ihn darauf und fesselten ihn. Dann rollten sie ihn durch einen langen Gang, der von einem fahlen, weißlichen Licht erleuchtet wurde. Dabei kicherten sie und redeten in einer hohen, fistelnden Sprache miteinander. Schließlich stießen sie das Bett in einen Raum und schlossen eine eiserne Schiebetür dahinter. Es rollte noch ein wenig vorwärts, prallte unsanft gegen eine Wand und blieb stehen. Waldemar hatte die Augen zugekniffen und öffnete sie erst nach einer Weile langsam wieder.
Es war dunkel im Raum, bis auf ein kleines oranges Rechteck in der Wand, das leuchtete. Darauf stand etwas geschrieben, das er nicht lesen konnte.
Es war ihm kaum möglich, sich zu bewegen, nur den Kopf konnte er ein wenig heben und drehen. Sein Herz pochte. Vor Angst und Entsetzen über das, was mit ihm geschehen war, brachte er keinen Ton heraus.
Wo war er hier? Was würde mit ihm geschehen? Wer waren die Männer in den weißen Kitteln, von denen einer zu ihm gesagt hatte: „Endlich bist du wieder da!“?
Er starrte an die dunkle Decke, seine Zunge lag ihm wie ein dicker, würgender Klumpen in Mund und Hals. Ein verzweifeltes Weinen saß tief in seiner Brust, aber konnte nicht an die Oberfläche gelangen. Er hatte das Gefühl, langsam zu ersticken. Tränen quollen schmerzhaft in seine Augen. Tränen, von denen er glaubte, dass sie aus blutigem Teer bestehen mussten, denn sie brannten wie Feuer in seinen Augäpfeln.
„Hallo“, hörte er da plötzlich eine leise Mädchenstimme vom anderen Ende des Raumes. „Ich bin Jodie. Wer bist du?“
Vor Schreck brachte er zunächst keinen Ton heraus. Er musste mehrmals schlucken, bevor er ein Röcheln von sich geben konnte.
„Bist du verletzt?“, fragte die Stimme.
„Nein“, brachte Waldemar heraus.
„Ich liege hier an der Wand“, sagte Jodie. „Ans Bett gefesselt wie du auch. Wie heißt du nun eigentlich?“
Waldemar hatte sich einigermaßen beruhigt und nannte seinen Namen. „Wo sind wir hier?“, fragte er dann.
„Im Hügel der Gottlosen“, antwortete Jodie leise und dumpf. „So jedenfalls sagen wir Gefangenen. Bei den Wächtern heißt er vermutlich anders.“
„Kannst du dich erinnern, wie du hierhin gekommen bist?“
„Nicht genau.“ Sie stockte, schien nachzudenken. „Plötzlich war um mich herum pechschwarze Finsternis, und dann bin ich in dieses Tal gekommen...“
„So ähnlich wie ich“, sagte Waldemar. „Mein Freund Jojo hat mir gesagt, ich hätte mich umgebracht und wäre jetzt in der Unterwelt.“
„Du hast einen Freund hier unten?“ Jodies Stimme klang aufgeregt.
„Ja, aber ich habe ihn wieder verloren. Als ich vor dem schwarzen Stein am Eingang des Hügels stehen blieb, ist er verschwunden.“
„Ein schöner Freund!“, rief Jodie entrüstet.
Waldemar versuchte, Jojo zu verteidigen. „Er konnte nicht anders, glaub mir. Irgendetwas hat ihn erfasst und weggetrieben. Er hat mir zugerufen, ich sollte mit ihm kommen, aber ich bin einfach stehen geblieben. Ich weiß nicht warum. Der Stein hat mich angezogen, und dann kamen die Männer in den weißen Kitteln.“
Das Gespräch stockte. Jodie schien vor sich hinzumurmeln.
Nach einer Weile fragte sie: „Wie seid ihr denn Freunde geworden?“
Waldemar überlegte angestrengt, und langsam formten sich in seinem Innern einige Bilder.
„Da war eine andere Welt“, antwortete er zögerlich. „Ich erinnere mich an ein Zimmer... ein Zimmer mit dem Blick auf Bäume. Dort habe ich gespielt und geschlafen... und... da war Jojo. Zuerst in meinen Träumen. Später auch, als ich wach war. Wir haben gemeinsam viele Abenteuer erlebt. Für andere war er unsichtbar. Aber dann... war er eines Tages weg... ich weiß nicht, wohin. Bis heute. Da ist er plötzlich gekommen und hat mich aus der Finsternis gerettet. Ich wünschte, ich könnte ihn wiederfinden.“
Er starrte an die dunkle Zimmerdecke und sinnierte bedrückt vor sich hin.
„Meinst du, wir sind wirklich tot?“, fragte er dann. „Träumen wir nicht nur einen schlimmen Traum?“
„Wir sind wirklich tot“, kam es leise, aber bestimmt von Jodie. Ein Laut drang zu ihm hinüber, der wie ein unterdrücktes Schluchzen klang. Er drehte seinen Kopf in Richtung ihrer Stimme. Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und er konnte einen auf einem Bett liegenden Schemen erkennen.
„Ich würde gerne bei dir sein“, entfuhr es ihm.
Sie reagierte nicht darauf. Stattdessen sagte sie kalt und monoton: „Morgen kommen wir in den großen Saal. Da machen sie Experimente mit uns.“
Waldemar durchzuckte es heiß und kalt zugleich.
„Experimente?“, stammelte er.
„Du wirst ja sehen.“
Ihr gemurmelter Satz war das Letzte, was er an diesem Tag von ihr hörte, obwohl er noch mehrere Male nachfragte und ihren Namen flüsterte. Entweder wollte sie nicht mehr weiterreden oder war eingeschlafen.
Er jedoch konnte in seiner Zwangslage lange keinen Schlaf finden. Ihn graute vor dem nächsten Morgen. Wie sehr wünschte er sich, bei Jodie Trost zu finden, in deren Stimme er sich fast ein wenig verliebt hatte. Aber die Fesseln hielten ihn erbarmungslos an Ort und Stelle.
Schließlich musste er doch eingeschlafen sein, denn irgendwann wurde er von einem dröhnenden Geräusch geweckt. Die eiserne Schiebetür hatte sich geöffnet, grelles Licht flutete in den Raum. Vier Männer in weißen Kitteln standen vor seinem Bett.
Gehetzt blickte er sich um. Nirgendwo konnte er Jodie entdecken, vermutlich war sie schon abtransportiert worden.
Die Männer starrten ihn mit kalten Augen an. Dann schoben sie ihn zur Tür hinaus. Wieder ging es durch den langen Gang, bis sie in den Saal kamen, von dem Jodie geredet hatte.
Darin befanden sich eine Menge dicker Glasröhren, die vom Fußboden bis zur Decke reichten. Sie waren angefüllt mit einer rosa leuchtenden Flüssigkeit, in der große, pulsierende Gehirne schwammen. Die schienen lebendig zu sein. Waldemar fühlte sich von ihnen beobachtet, und er meinte, einen starken Gedankenstrom zu spüren, der von ihnen ausging. Unverständliche Wortfetzen tauchten in seinem Bewusstsein auf und erzeugten ein Gefühl dumpfer Bedrohung.
Die weißen Männer lösten blitzschnell seine Fesseln und hoben ihn vom Bett auf einen metallenen Liegestuhl. Dann entkleideten sie seinen Körper. Als das geschehen war, wurden seine Handgelenke an den Armlehnen fixiert, und auch um seine Fußgelenke schnappten eiserne Schellen. Wieder redeten die Männer mit fistelnden Stimmen. Waldemar erblickte zwischen den Glasröhren eine Art dunkles Portal, das mit seltsamen, goldglänzenden Zeichen versehen war. Rechts daneben leuchtete ein oranges Rechteck, genau wie das in seinem Schlafraum. Nachdem die Männer sich eine Weile unterhalten und gelacht hatten, ging einer von ihnen langsam zu dem Rechteck hin und drückte darauf. Leise summend öffnete sich das Portal.
Dahinter kam eine silberne Gestalt zum Vorschein, deren Kopf fast gänzlich aus einem Gehirn bestand, das von der gleichen Art war wie jene, die in den Glasröhren schwammen. Kleine schwarze Knopfaugen starrten aus der gewundenen rosa Masse hervor. Zwei blutige Schlitze, die wohl die Nasenlöcher waren, öffneten und schlossen sich rasch. Ein Mund war nicht zu erkennen. Auch hatte die Gestalt weder Arme noch Beine. Ihr silberner Körper glitt schwebend und geräuschlos durch das Portal und ganz allmählich auf Waldemar zu. Als sie ihn erreicht hatte, fuhr sie eine metallische Röhre aus, an deren Ende sich ein Saugnapf befand. Mit dem saugte sie sich an seinem Unterleib fest. Ein stechender Schmerz breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Er schrie. Die Gestalt saugte weiter. Der Sog wurde schließlich so stark, dass Waldemar glaubte, die Eingeweide würden ihm durch die Bauchdecke herausgerissen. Vor Entsetzen konnte er nur noch wimmern.
Nach einer Weile wurden zwei weitere, kleinere Röhren ausgefahren. An ihren Enden leuchteten rote Pupillen. Diese starrten durchdringend in seine Augen. Dann glitten sie mit einem roboterhaften Schnarren abwärts und bohrten sich tief in seine Nasenlöcher. Rotes Licht schien seinen gesamten Kopf zu durchfluten. Schillernde Nebel tanzten vor seinen Augen. Er hörte die Gestalt etwas in einer fremden Sprache sagen. Daraufhin tippte einer der Männer eifrig einige Zahlen und merkwürdige Zeichen in einen Computer ein.
Unendlich lange schien die Tortur zu dauern. Schließlich ließen die silbernen Röhren von ihm ab. Er blickte an sich hinunter und sah einen blutigen Ring, wo der Saugnapf festgesessen hatte. In dessen Mitte war ein roter Einstich.
Vom anderen Ende des Saals hörte er Mädchenschreie. Er konnte sich denken, dass es Jodie war, mit der sie ähnlich verfuhren, obwohl er sie von seiner Position aus nicht sehen konnte. Eine hilflose Wut stieg in ihm auf.
Einer der Männer trat zu ihm und gab ihm eine Spritze in den rechten Arm. Die Injektion war offensichtlich ein Schlafmittel, denn kurz darauf fielen ihm die Augen zu.
Er erwachte in dem Raum, in dem er die Nacht verbracht hatte. Wieder war das orange Rechteck an der Wand die einzige Lichtquelle. Als er etwas zu sich gekommen war, bemerkte er, dass er seine Arme und Beine frei bewegen konnte. Er glaubte zu träumen, doch die Fesseln waren tatsächlich verschwunden. Langsam richtete er sich auf und setzte sich hin. Sein Unterleib und seine Nase schmerzten noch etwas von den Experimenten, aber es war auszuhalten.
Die Männer hatten ihn wieder angekleidet. Er schien nun eine Art dünnen Schlafanzug zu tragen. Vorsichtig tastete er nach dem ledernen Beutel an seinem Hals. Ja, er war noch da, seine Peiniger hatten ihn ihm gelassen. Ob sie wohl Angst gehabt hatten, ihn anzurühren? Er glaubte, dass es mit dem Beutel eine besondere Bewandtnis haben musste.
„Jodie?“, fragte er nach einer Weile halblaut in den Raum hinein. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
Ein leises Atmen war zu hören.
„Jodie, ich bin frei!“
Er stand auf und ging in die Richtung, in der er ihr Bett vermutete, langsam, Schritt für Schritt. Schließlich fühlte er eine Kante und ließ sich darauf nieder.
„Sie wollen, dass wir fliehen“, hörte er Jodie dumpf murmeln.
„Was...?“, stotterte Waldemar. „Ich verstehe nicht.“
„Dann verfolgen sie uns und bringen uns zurück. Wenn wir in großer Erregung sind, ist das gut für ihre Experimente. Zweimal habe ich es versucht. Ich habe geglaubt, ich hätte wirklich eine Chance und könnte sie austricksen. Jetzt weiß ich es besser.“
Ihre Stimme klang müde. Waldemar tastete nach ihrer Hand und ergriff sie. Sie war klein und abgemagert. Behutsam streichelte er sie. Währenddessen dachte er nach.
„Wir sollten es dennoch versuchen“, sagte er schließlich. „Wer weiß, vielleicht haben wir ja zu zweit eine Chance. Und irgendwo da draußen ist Jojo und wartet auf uns. Davon bin ich fest überzeugt.“
Der Gedanke an seinen Freund gab ihm Mut und ließ ihn seine Verzagtheit für den Augenblick vergessen.
Jodie spannte ihre Hand an und atmete hörbar ein. Offenbar schien sie ebenfalls neuen Mut zu fassen.
„Ja, du hast recht“, meinte sie nach einer Weile. „Wir wollen es noch einmal versuchen. Soweit ich weiß, gibt es zwei Ausgänge aus dem Hügel. An dem einen steht der schwarze Stein. Der andere führt in eine Steppe mit silbernem Gras. Ich habe nur kurz hinausgesehen, dann hatten mich die Männer wieder eingefangen.“
„Lass es uns zunächst bei dem Stein versuchen“, schlug Waldemar vor.
„Bist du sicher?“ Jodies Stimme klang zweifelnd. „Du hast gestern gesagt, er hätte dich angezogen und daraufhin wäre dein Freund verschwunden. Vielleicht ist irgendeine böse Macht in ihm. Glaubst du wirklich, du könntest diesmal widerstehen?“
Waldemar dachte nach. Das Bild der Säule mit dem eingemeißelten Gesicht stand ihm mit einem Mal wieder deutlich vor Augen. Und obwohl er es nicht wahrhaben wollte, musste er zugeben, dass es eigentlich nur ein tief verborgenes inneres Verlangen, den Stein zu sehen, gewesen war, das ihn zu diesem Vorschlag veranlasst hatte. Hatte es tatsächlich eine finstere Bewandtnis mit ihm? Dann musste er sich dazu zwingen, ihn zu vergessen.
„Also gut!“, rang er sich durch. „Gehen wir in Richtung Steppe. Kannst du den Weg wiederfinden?“
„Ich denke schon“, kam es zögerlich von Jodie. „Vielleicht lassen uns die weißen Männer diesmal tatsächlich ein Stück aus dem Hügel entkommen, ehe sie sich an unsere Fersen heften.“
„Das könnte unsere Chance sein“, meinte Waldemar. „Wenn Jojo dort ist und uns irgendwie zur Hilfe kommt. Ich will versuchen, heute Nacht im Geist mit ihm Kontakt aufzunehmen.“
Er blieb noch ein bisschen auf Jodies Bett sitzen und hielt ihre Hand umfasst. Doch er spürte, dass sie erschöpft war und nicht mehr reden wollte. Da überwand er die Sehnsucht nach ihr und ging langsam zurück zu seinem Bett.
Nachdem er sich hingelegt hatte, dachte er über ihren verzweifelten Fluchtplan nach. Trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit fühlte er sich innerlich seltsam ruhig. Irgendwie glaubte er daran, dass sie es schaffen würden. Seit seinem Eintritt in die Welt der Finsternis und des Schreckens war es das erste Mal, dass er so etwas wie Zuversicht verspürte. Er schloss die Augen und versuchte, sich auf Jojo zu konzentrieren. Dabei schlief er ein.
Im Traum glitt er zur Tür hinaus und schlich durch den schwach erleuchteten Gang nach links. Er wusste, dass die Männer in Weiß ihn nicht verfolgen würden, denn vor dem Eingang des Hügels wartete etwas auf ihn, das ihn gewiss aufhalten würde: die schwarze Steinsäule. Obwohl ihn vor dem fratzenhaften Gesicht graute, konnte er dem inneren Sog, der ihn dahin drängte, nicht widerstehen. Schließlich hatte er die silberne Tür erreicht. Sie öffnete sich wie von Geisterhand, und dann stand er vor dem Menhir. Wie eine unheilige Stele ragte dieser in dem wüsten Tal auf.
Waldemar schauderte, als er in das verzerrte Gesicht blickte. In den hohlen Augen schienen rote Flämmchen zu lodern und sich in seinem Bewusstsein festzubrennen. Er war wie gebannt, schritt immer näher, streckte schließlich seine Hand aus und berührte den Stein. Da rann es ihm wie flüssiges Feuer durch die Fingerkuppen direkt ins Herz. Er stöhnte, wand sich, konnte aber den Stein nicht loslassen. Mit der anderen Hand griff er ebenfalls wie im Fieberwahn nach ihm, zog sich an ihn und umarmte ihn. Sein Gesicht presste sich langsam gegen die furchtbare Fratze. Seine Zunge schnellte heraus und schob sich in den geöffneten steinernen Mund. Dabei hatte er das Gefühl, als würde er eine kranke, koboldhafte Frau küssen, die nach seiner Liebe lechzte.
So verharrte er lange Zeit. Sein ganzer Körper war von feuriger, brodelnder Schwärze erfüllt. Mehrere Male stieß er ein krampfhaftes Schluchzen aus.
Plötzlich hörte er in seinem Kopf eine leise Stimme, die seinen Namen rief.
„Jojo“, versuchte er zu röcheln, „bist du ´s?“ Sein Hals schien innen voller Blut zu sein.
„Komm mit mir“, rief die Stimme.
„Ich kann nicht!“ Seine Zunge schien in dem steinernen Mund der Fratze festzukleben.
„Du willst nicht!“, gab die Stimme zurück. „Solche Steine werden hier in der Unterwelt speziell für Selbstmörder errichtet, um sie festzuhalten und in ihre ganz persönliche Hölle zu führen, solange sie sich nicht von ihnen lossagen.“
„Wie kann ich das denn tun?“, lallte Waldemar verzweifelt, denn noch immer steckte seine Zunge in dem steinernen Mund.
„Komm mit mir“, wiederholte die Stimme. Es war eindeutig Jojos. Schon wurde sie schwächer und verklang. Mit Aufbietung aller Kräfte löste sich Waldemar von dem steinernen Gesicht. Dabei hatte er das Gefühl, als würde ihm eine tiefe Wunde gerissen. Gerade wollte er sich abwenden und seinem Freund folgen, da kamen die Männer in den weißen Kitteln aus dem Hügel und zerrten ihn wieder durch die silberne Tür ins Innere. Er wehrte sich, doch vergebens. Sie stopften ihm einen Knebel in den Mund. Da fuhr er mit angsterfülltem Stöhnen aus seinem Traum auf.
Lange Zeit lag er wach und dachte nach. Jodie schlief. Er hörte sie leise schnarchen.
Wie recht hatte sie gehabt, als sie ihm riet, sich von dem schwarzen Stein fernzuhalten! Wenn er sich von nun an fest auf Jojo konzentrierte, dann könnten er und sie morgen möglicherweise über die Steppe entkommen.
Irgendwann fiel er wieder in einen unruhigen Schlaf.

Als er erwachte, stand die Tür des Raums einen Spalt weit offen, so dass das weiße Licht des Ganges hineinfiel. Er sah einige Männer in Weiß draußen vorbeigehen. Sie schienen sie vergessen zu haben. Aber Waldemar wusste, dass das nur scheinbar der Fall war. In Wirklichkeit wollten sie sie in Sicherheit wiegen. Bestimmt warteten sie schon begierig darauf, dass ihre beiden Gefangenen einen Fluchtversuch unternahmen, damit ihre Experimente endlich voranschritten.
Er wandte sich zu Jodie um, die ebenfalls aufgewacht war. Es war das erste Mal, dass er ihr Gesicht einigermaßen erkennen konnte. Schmal war es, fiel ihm auf. Ihre Augen wirkten sehr groß. Sie hatte kurzes, strubbeliges Haar, das wohl dunkelblond sein musste; bei dem fahlen Licht war das schwer zu sagen. Wie ein kleiner Kobold sieht sie aus, dachte er unwillkürlich, und blitzartig durchfuhr es ihn, dass die Steinstele in seinem Traum ihm möglicherweise Jodies verzerrtes Gesicht gezeigt hatte. Konnte das sein? Ein Schauer überkam ihn, und hastig drängte er den Gedanken zurück.
„Wann wollen wir los?“, fragte er halblaut.
„Am besten warten wir bis zum Abend“, sagte sie. „Das erkennen wir daran, wenn draußen die Beleuchtung schwächer wird. Dann ziehen sich die Weißkittel ganz zurück und lauern auf uns.“
Die nächsten Stunden verbrachten die beiden in zermürbender innerer Unruhe. Waldemar horchte nach Schritten auf dem Gang. Immer seltener waren sie zu hören. Er lag auf seinem Bett und versuchte sich vorzustellen, wie sie ihrem Gefängnis entkommen würden. Je näher der Abend rückte, desto mehr machte sich Angst in ihm breit. Angst, zu versagen. Das Bild des schwarzen Steins schlich sich zurück in seine Gedanken und lähmte ihn, obwohl er sich heftig dagegen sträubte. Zuletzt hielt er es nicht mehr aus und ging zu Jodie.
„Bitte lass mich zu dir“, bat er. Ohne eine Antwort abzuwarten, kroch er unter ihre Decke und nahm sie in den Arm. Sie ließ es geschehen, aber ihr Körper war steif und angespannt. Waldemar spürte, dass von ihr eine innere Kälte ausging, die ihn schmerzte. Trotzdem brachte ihm ihre Nähe etwas Trost und lenkte ihn von seinen Gedanken ab.
Er musste eingeschlafen sein, denn auf einmal schreckte er hoch, als Jodie sagte: „Es ist soweit. Lass uns gehen!“
Benommen starrte er durch den Türspalt. Tatsächlich, auf dem Gang brannte die Sparbeleuchtung für die Nacht. Kein Ton war zu hören. Langsam rappelte er sich auf.
Noch einmal wurde ihm bewusst, dass er nichts als den dünnen, schlabberigen Schlafanzug am Leib trug, der eine undefinierbar graue Farbe hatte. Seine anderen Kleider waren fort, er konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, was er zuvor getragen hatte.
Jodie hatte ebenfalls so einen Schlafanzug an. Es half also nichts, sie würden in dieser Aufmachung die Flucht antreten müssen. Doch da fiel Waldemars Blick plötzlich auf ein kleines Tischchen, das in einer Nische stand. Dort waren für beide Gefangenen Pullover, Hosen, Unterwäsche und Schuhe zurechtgelegt.
„Schau dir das an“, flüsterte er. „Die Weißkittel nehmen es aber auch ganz genau.“
Jodie griff nach einem Pullover. „Zieh dich um“, sagte sie und schlüpfte aus ihrem Schlafanzug. Waldemar wandte sich ab und tat es ihr nach.
Als sie fertig waren, meinte Jodie: „Ich werde vorangehen. Es ist egal, wie schnell wir uns bewegen, solange wir im Hügel sind. Die weißen Männer werden uns einen Vorsprung lassen.“
„Sie wollen sich ja nicht gleich den Spaß verderben“, entgegnete Waldemar grimmig. „Aber sollten wir es bis in die Steppe schaffen, dann werden wir laufen und...“
Ja, was dann? Es war besser, nicht zu viel darüber nachzudenken.
Jodie ging zur Tür und zog sie ganz auf. Dann schritten die beiden den schummrigen Gang nach rechts entlang. Hin und wieder kamen sie an verschlossenen Türen vorbei. Waldemar graute bei der Vorstellung, dass dahinter weiße Männer lauerten und darauf warteten, die Verfolgung aufzunehmen. Er zwang sich, ruhig zu bleiben und weiterzugehen. Jodie hatte ein recht zügiges Tempo vorgelegt. Nach einer Weile tauchte links von ihnen der Saal auf, in dem sie für die Experimente missbraucht worden waren. Durch die Glastür konnte Waldemar die dicken Röhren sehen, in denen die Gehirne geschwommen hatten. Jetzt waren sie schwarz und undurchsichtig. Hastig wandte er den Blick ab.
Im fahlen Licht trottete er weiter hinter Jodie her. Manchmal glaubte er schon leise, schlurfende Schritte hinter sich zu hören. Dann hätte er am liebsten die Beine in die Hand genommen und wäre gerannt, aber er wusste, dass es sinnlos war. Noch war kein Ende des Ganges abzusehen. Einmal kamen sie an eine Stelle, an der er sich verzweigte. Waldemar hatte das insgeheim befürchtet. Wusste Jodie den richtigen Weg? Sie überlegte.
Mittlerweile war sich Waldemar sicher, dass die schlurfenden Schritte hinter ihnen keine bloße Einbildung von ihm waren. Er fühlte, wie sein Gesicht an Farbe verlor und ihm der kalte Schweiß ausbrach. Schließlich schlug Jodie den Weg zur Linken ein und fiel in einen Laufschritt. Waldemar tat es ihr nach. Der Gang machte noch zwei Biegungen, und dann tauchte vor ihnen ein Metalltor auf. Nach einigen Minuten hatten sie es erreicht. Jodie drückte auf den orange leuchtenden Knopf an der Wand. Tatsächlich! Das Tor öffnete sich.
Waldemars Blick fiel auf silbernes Gras, das sich im Wind bewegte. Gleichzeitig hörte er hinter sich laut und deutlich die Schritte der Verfolger. Sie mussten in Kürze um die Ecke biegen.
„Los!“, stieß er hervor. „Lauf, Jodie!“
Die beiden sprinteten über die wundersame Steppe.
Als Waldemar nach einer Weile zurückschaute, sah er die Weißkittel aus dem Hügel strömen. Es waren mindestens zwanzig an der Zahl, und sie waren bewaffnet mit Lasergewehren. Einige von ihnen schossen bereits, verfehlten jedoch ihr Ziel noch bei weitem. Da, wo die Strahlen in den Boden schlugen, hinterließen sie große schwarze Brandflecken. Gelblicher, giftig aussehender Rauch stieg auf. Ungefähr hundert Meter waren die weißen Männer hinter ihnen. Vor ihnen dehnte sich die endlose Steppe aus. Kein Baum, kein Strauch, kein Hügel. Nichts, was Schutz bot vor ihren gnadenlosen Verfolgern. Waldemar wusste, dass sie keine Chance hatten, wenn nicht bald ein Wunder geschah.
Die Weißkittel schienen die Jagd zu genießen. Ihre Stimmen hallten zu ihnen herüber. Wieder schlugen einige Laserstrahlen in den Boden hinter ihnen. Diesmal deutlich näher.
Jodie keuchte. Sie sah krank aus, hatte einen hochroten Kopf, aus dem die Augen leicht hervortraten. Waldemar fürchtete, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Auch sein geschwächter Körper hatte nur noch wenig Kraftreserven. Wo war Jojo? Hatte er sie vergessen? War sein Traum von ihm etwa nur eine Einbildung gewesen?
Er schrie seinen Namen in die Steppe hinein. Hinter ihnen erklang ein fistelndes Lachen. Die Weißkittel hatten aufgeholt und stimmten jetzt einen monotonen Gesang an, bei dem es Waldemar kalt den Rücken hinunterlief.
Plötzlich stolperte Jodie und blieb liegen.
„Nein!“, schrie er und rannte zu ihr. „Du musst aufstehen, Jodie! Weiter! Weiter!“
Er griff sie am Arm und wollte ihr auf die Beine helfen. Aber Jodie schüttelte nur den Kopf und vergrub ihr Gesicht im Gras. Ein Laserstrahl schlug dicht neben ihnen ein. Waldemar zuckte zusammen. Hitze verbrannte ihm die Wange. Schwefliger Rauch ließ ihn husten. Die Weißkittel waren noch etwa fünfzig Meter entfernt.
Da bemerkte er auf einmal etwas Seltsames. Über ihm und Jodie hatte sich eine Wolke am Himmel gebildet und senkte sich immer weiter herab. Ein beißender Geruch wie Ozon lag in der Luft. Waldemar begannen die Augen zu tränen. Das Atmen fiel ihm schwer, sein Husten wurde schlimmer. Als er schon glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, war der Ozongeruch mit einem Mal verschwunden.
Plötzlich fühlte er sich angehoben. Er rieb sich seine tränenverschleierten Augen, um wieder besser sehen zu können, doch ein weißlicher Dunst um ihn herum blieb bestehen. Da ging ihm auf, dass er sich nun innerhalb der Wolke befinden musste. Vorsichtig schaute er sich um. Neben ihm saß eine Gestalt in einem silbernen Anzug und einer futuristisch aussehenden Sonnenbrille auf der Nase.
Waldemar zuckte zusammen, als die Gestalt sich ihm zuwandte und lächelte.
„Jojo!“, stieß er hervor.
„Ja, ich bin ´s wieder“, antwortete Jojo. „Kann dich doch nicht im Stich lassen.“
Waldemars Herz machte vor Freude einen Sprung. Am liebsten hätte er seinen Freund umarmt, aber dazu war keine Zeit. Jodie war in höchster Gefahr, denn schon hatten mehrere Laserstrahlen in ihrer Nähe eingeschlagen und die Erde verkohlt. Rasch glitten die beiden auf das Mädchen zu und zogen sie in die Wolke hinein. Dann lenkte Jojo ihr Gefährt einige Meter aufwärts.
Waldemar bekam es mit der Angst zu tun. Jetzt sind wir für die Weißkittel ein leichtes Ziel!, dachte er. Tatsächlich richteten diese ihre Gewehre auf sie und schossen. Doch die Strahlen gingen einfach durch sie hindurch, ohne sie zu verletzen. Jojo lachte.
„Was ist passiert?“, fragte Waldemar.
„Wir sind im Moment nicht mehr richtig von ihrer Welt“, antwortete Jojo. „Etwas feinstofflicher, sozusagen. Darum können sie uns nicht treffen. Pass auf, wir schweben über sie hinweg, verschließen das Tor des Hügels und sperren sie aus. Sie sollen keine Gefangenen mehr quälen dürfen!“
Gesagt, getan. Die Männer in den weißen Kitteln starrten ihnen nach und konnten offenbar nicht begreifen, was gerade geschah. Vor dem Hügel senkten die drei sich hinab. Jojo zog eine Laserpistole aus der Tasche und zielte auf das Gestein und Erdreich über dem Tor. Der fauchende Strahl schmolz es sofort zu Schlacke, die zischend herabtropfte. Nach kurzer Zeit war kein Ausgang mehr zu sehen.
„So das hätten wir“, sagte er. „Nun, Weißkittel, was sagt ihr dazu?“
Das erste Mal sah Waldemar, dass die Männer so etwas wie Angst bekamen. Sie liefen aufgeregt hin und her, gestikulierten wild. Schreie drangen zu ihnen hinüber.
Jojo verzog sein Gesicht zu einem grimmigen Grinsen. „Das war wohl nicht eingeplant von euch, wie?“
Seelenruhig ließ er die Wolke wieder über ihre Köpfe hinwegschweben.
Die Weißkittel eröffneten sofort das Feuer, aber ihre Gewehre funktionierten anscheinend nicht mehr richtig. Die Strahlen aus ihren Läufen verfingen sich im Steppengras, wurden zu knisternden Leuchtkugeln, die noch einige Zeit über den Boden rollten und dann in Funken zerstoben.
Jojo nickte befriedigt. „Ich habe ihre Verbindung zum Hügel getrennt. Jetzt sind sie machtlos.“
„Ihr müsst euch zum Weltenbaum aufmachen“, rief er ihnen zu und zeigte in Richtung der weiten Steppe. „Ein Zurück in den Hügel gibt es nicht mehr.“
Die Weißkittel schrieen wütend und verzweifelt. Offenbar wollten sie ihre Situation nicht wahrhaben. Als sie einsahen, dass sie die drei mit ihren Gewehren nicht treffen konnten, versuchten sie, sich gegenseitig zu erschießen, aber auch das schien ihnen nicht zu gelingen.
Waldemar wandte sich von dem Geschehen unter ihnen ab.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte er zu Jojo. „Ohne dich wären wir verloren gewesen.“
Jojo nahm seine Sonnenbrille von der Nase und verstaute sie in der linken Brusttasche seines Anzugs.
„Du hast darauf vertraut und dich von der Macht, die der Hügel über dich gewonnen hatte, losgesagt“, antwortete er. „So durfte ich dir wieder helfen. Schön, dass auch du den Ausbruch geschafft hast, Jodie.“
Das Mädchen bedankte sich ebenfalls bei ihm.
Als Waldemar sie ansah, fiel ihm erst richtig auf, wie mager sie war. Er rückte zu ihr hin und legte ihr einen Arm um die Schulter.
„Was ist mit den anderen Gefangenen, die sich noch im Hügel befinden?“, wollte er von Jojo wissen.
„Für sie wird sich ein anderer Ausgang auftun, wenn sie die Kraft und den Mut finden, zu fliehen und außerdem – das ist wichtig, wie du gesehen hast – fest darauf vertrauen, dass sie gerettet werden. Denn allein aus eigener Kraft ist ein Entkommen aus dem Hügel unmöglich.
Aber genug geredet, wir müssen weiterfliegen, weiter zum Weltenbaum.“
Als Waldemar seinen Freund diese Worte sprechen hörte, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Was mochte das für ein geheimnisvoller Baum sein, den Jojo ja gerade schon einmal erwähnt hatte? Er sollte es bald erfahren.


Der Baum der Welten

Sie befanden sich hoch in der Luft und sahen unter sich die schier unendliche Steppe vorübergleiten. Silbriges Gras schimmerte, so weit das Auge reichte. Jodie war eingeschlafen, und auch Waldemar wurden die Lider schwer.
„Keine Büsche und Bäume,“ murmelte er. „Ob es wohl Tiere hier gibt?“ Er konnte nirgends welche entdecken. Wie trostlos!
Sein Blick fiel auf Jojo, der angestrengt in die Ferne schaute und seltsam entrückt zu sein schien. Ob er seine Gedankenkraft dazu benutzte, die Wolke zu steuern? Waldemar seufzte und schloss die Augen. Die hinter ihm liegenden Ereignisse hatten ihn sehr erschöpft, und so schlief er kurz darauf ein.

Im Traum ging er durch einen großen Wald. Er bewunderte die riesigen, knorrigen Bäume, die rings um ihn emporragten, und versank in Gedanken.
Als er wieder auf den Weg achtete, bemerkte er, dass dieser breiter geworden war und ihn zu einer größeren Lichtung führte. In ihrer Mitte stand ein einzelner Baum. Waldemar fuhr auf. Diesen Baum hatte er doch schon einmal gesehen! War es nicht jener, an dem der Jäger gehangen hatte, damals in der Finsternis, kurz bevor Jojo aufgetaucht war?
Jetzt hing dort niemand, soweit er erkennen konnte, aber der gesamte Platz wirkte düster und gespenstisch. Vorsichtig näherte er sich, und ihm fiel auf, dass der Baum abgestorben und verdorrt, stellenweise sogar hohl war. Zaghaft berührte er die Rinde.
Was hatte es mit der geheimnisvollen Jägergestalt auf sich? Sie hatte etwas mit ihm zu tun, das spürte er. Sollte es am Ende er selber gewesen sein, der sich an diesem Baum erhängt hatte?
„Nein“, sagte er halblaut vor sich hin und schüttelte den Kopf. Er fühlte ganz deutlich, der Jäger und er waren nicht ein und dieselbe Person. Aber um wen handelte es sich dann? Er tastete nach dem Beutel an seinem Hals, der auch irgendwie in Zusammenhang mit dem Jäger zu stehen schien.
Plötzlich erinnerte er sich daran, dass er damals hinter dem Bild des Baumes noch etwas anderes gesehen hatte. Es war ein Balken auf einem Dachboden gewesen, an dem – er selber gehangen hatte! Waldemar wurden die Knie weich, er sackte zu Boden. Also war es jener Dachboden gewesen, auf dem er langsam und qualvoll aus der Welt geschieden war, während der Jäger die Eiche gewählt hatte. Sie beide waren auf eine unheimliche Weise Schicksalsgefährten.
Waldemar schauderte. Zum ersten Mal wurde ihm das Furchtbare seiner eigenen Tat so richtig bewusst. Aber wer war nun dieser Jäger, dessen Bild ihn verfolgte?
Plötzlich schien es ihm, als würden die Blätter der Bäume anfangen zu rascheln. Unruhig schaute er sich im Wald um und hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Hatte da nicht gerade ein dunkler Menschenkopf hinter einem Gesträuch hervorgelugt? Und hatte er nicht ein Geweih getragen wie ein Hirsch? Entsetzt fuhr Waldemar hoch.
Da befand er sich auf einmal wieder neben Jojo und Jodie in der Wolke über der silbernen Steppe.

Verstört rieb er sich die Augen.
„Wir sind gleich da“, rief Jojo fröhlich. „Schau mal raus!“
Waldemar gehorchte, und es verschlug ihm die Sprache. Dort, wo die ganze Zeit nur silbriges Gras zu sehen gewesen war, türmte sich ein gewaltiges Wurzelwerk, und daraus ragte ein Stamm empor, der wohl mehrere hundert Meter dick sein musste! Bis in den Himmel reichte er, ein Ende konnte Waldemar nicht erkennen.
In einiger Höhe breiteten sich mächtige Äste aus. Ihre vielen Zweige schienen mit den Wolken zu verschmelzen, ja fast sah es so aus, als würden die Wolken aus den Zweigen entstehen.
„Dies ist der Weltenbaum“, sagte Jojo. „In seinem Schatten werden wir rasten.“
Langsam steuerte er die Wolke zu einer kleinen, moosbewachsenen Mulde auf einer der riesigen Wurzeln und landete. Der Nebel um sie herum löste sich auf, und die drei ließen sich im weichen Moos nieder.
Jojo brachte einen Beutel mit Bucheckern zum Vorschein, den er in ihrer Mitte ausschüttete. Da bemerkte Waldemar zum ersten Mal, dass er, seit er in der Finsternis erwacht war, nichts gegessen hatte. Er hatte nie das Bedürfnis danach verspürt. Doch jetzt hatte er plötzlich Hunger. Eine ganze Weile saßen sie einfach nur still da und knackten Bucheckern.
Waldemar vernahm das Plätschern von Wasser in der Nähe. Irgendwo im Wurzelwerk musste eine Quelle entspringen. Nachdem er einigermaßen gesättigt war, stand er auf und machte sich auf die Suche. Es dauerte nicht lange, da hatte er sie gefunden. Das Wasser war kalt und schmeckte köstlich. Jojo und Jodie kamen bald hinzu und stillten ebenfalls ihren Durst.
„Es ist schön hier“, sagte Waldemar. Er fühlte sich so gut wie lange nicht mehr.
Jojo nickte. „Ich bin hier schon oft gewesen“, sagte er, „aber immer wieder genieße ich die Lebenskraft, die von den Wurzeln dieses Baumes ausgeht. Man bekommt neue Energie und neuen Mut geschenkt.“
Jodie schien es ebenfalls gut zu gehen, und Waldemar freute sich darüber. Er hoffte, dass sie ihre innere Kälte und Starre, die ihm im Hügel so schmerzhaft aufgefallen war, vielleicht irgendwann ablegen würde.
„Wie sieht denn unsere weitere Planung aus?“, wollte er von Jojo wissen.
„Tja“, antwortete dieser etwas gedehnt. „Auf jeden Fall werden wir hier die Nacht verbringen. Und dann müssen wir unbedingt noch ein längeres Gespräch führen. Ich weiß nicht, ob ihr heute Abend schon dazu bereit seid oder ob wir lieber bis morgen warten sollen.“
„Ich würde heute Abend besser finden“, meinte Waldemar. Ihm drängten sich einige wichtige Fragen auf, die er Jojo gerne stellen wollte. Auch Jodie schien nichts gegen ein Gespräch zu haben.
„Also gut“, sagte Jojo. Sie gingen zurück zur Mulde und setzten sich wieder in einem kleinen Kreis zusammen.
Jojo räusperte sich. „Der Baum der Welten“, begann er, „schließt, wie der Name schon sagt, sämtliche geschaffenen Welten mit ein. Unter uns, da wo seine Wurzeln in die Erde reichen, ist die riesige Unterwelt. Ihr beide habt bereits einen Teil davon gesehen und seid ihm entronnen. Was für Schrecken es da unten noch gibt, darauf will ich nicht näher eingehen. Wo wir jetzt sind, ist eine Art Niemandsland. Man nennt es das Land der ungeahnten Möglichkeiten. Von hier aus kann man den Weltenbaum erklimmen und in eine der vielen unterschiedlichen Welten gelangen. Doch ganz so einfach, wie es sich anhört, ist es nicht. Es hängt vom eigenen Geisteszustand ab, zu welcher Welt man einen Zugang bekommt. Waldemar, du hast dir das Leben genommen und dich somit freiwillig aus einer der oberen Welten hinausgestürzt. Wenn du wieder zurückwillst, musst du erstmal ganz klein anfangen, doch dazu später mehr.“
Er wandte sich an Jodie.
„Über dein vergangenes Schicksal bin ich leider nicht unterrichtet. Ich weiß nicht, was dich in den Hügel der Gottlosen gebracht hat. Hast du irgendwelche Erinnerungen?“
Jodie schüttelte den Kopf und wirkte etwas zerstreut.
„Auf jeden Fall“, fuhr Jojo fort, „solltest du morgen mit uns den Weltenbaum bereisen. Vielleicht ist es uns dreien bestimmt, zusammenzubleiben, doch das kann ich nicht voraussehen.“
Jodie nickte. Waldemar schaute sie an und fragte sich, was wohl in ihr vorging. Gerne hätte er ihr gesagt, wie sehr er sich wünschte, dass sie weiter mit ihnen reiste, aber er traute sich nicht. Sie wirkte auf einmal so fremd.
Jojo zögerte etwas. „Am besten wäre es nun, wenn wir beide uns einmal alleine unterhalten könnten“, sagte er an Waldemar gewandt.
Jodie blickte von einem zum anderen, stand dann langsam auf und ging etwa zwanzig Schritte weit weg. Dort setzte sie sich auf eine Wurzelwölbung und schaute gedankenverloren in die Ferne. Waldemar wäre ihr am liebsten hinterhergegangen. Mit einem Mal hatte er gar nicht mehr so viel Lust, das Gespräch fortzusetzen. Aber Jojo schaute ihn auffordernd an. Schließlich wandte Waldemar ihm den Blick zu.
„Du musst“, sagte Jojo, „dich langsam entscheiden, wie deine Reise weitergehen soll. Ich habe dich bis hierhin begleitet und will es auch gerne weiter tun, aber es ist nicht sicher, ob ich es immer können werde. Ist es dein Wunsch und Wille, wieder in ein neues Leben auf der Erde einzutreten?“
Waldemar wusste nicht, was er antworten sollte. Er hatte nur einige vage Erinnerungen an seine vergangene Existenz, und nach dem, was Jojo im Tal der Schatten angedeutet hatte, war sie nicht besonders glücklich gewesen.
„Ich möchte gerne mit dir und Jodie zusammenbleiben“, sagte er schließlich.
„Das ist gut“, sagte Jojo, „aber du musst auch lernen, alleine zurechtzukommen. In deinen Anfangsjahren auf der Erde bin ich bei dir gewesen – ich glaube, daran kannst du dich noch erinnern. Du hast als Kind oft längere Zeit in einem kleinen Haus am Waldrand bei deiner Tante und deinem Onkel verbracht, weil deine Eltern manchmal etwas überfordert waren. Und immer, wenn du dort gewesen bist und geträumt hast, meistens nachts, aber manchmal auch am Tag, haben wir uns getroffen und viel zusammen unternommen. Aber dann wurden wir getrennt. Weißt du noch, wie das kam?“
Waldemar schüttelte den Kopf.
„Deiner Tante“, antwortete Jojo, „war es unheimlich, wenn du ihr von mir erzähltest. Für sie war ich unsichtbar, aber sie konnte offenbar doch etwas von mir spüren. Eines Tages, als du ihr wieder von unseren Abenteuern berichtetest und dabei erwähntest, dass ich gerade neben dir sitzen würde, hat sie nach mir gegriffen, mich am Kragen erwischt und zum Waschbecken getragen. Dann hat sie mich dort hineingeworfen und mit Wasser nachgespült. Natürlich glaubte sie, nur so zu tun, als ob, und wollte damit erreichen, dass du aufhörst, von mir zu reden. Wie hätte sie auch ahnen können, dass sie mich wirklich zu fassen gekriegt hatte! Auf jeden Fall hatte sie Erfolg. Von diesem Tag an konnte ich nicht mehr bei dir sein. Ich glitt durch die Kanalisation aus der Welt hinaus, und wir beide haben uns erst wiedergetroffen, nachdem auch du die Welt verlassen hattest.
Deine Tante hat damals nur das Beste für dich gewollt. Sie war der Meinung, dass du dir lieber irdische Freunde suchen solltest, und damit hatte sie gewiss nicht ganz unrecht. Solche hast du auch später genug gefunden, doch leider konnten sie dir keine ausreichende Hilfe auf deinem Lebensweg sein. So hast du dein Leben vorzeitig beendet.“
Waldemar tastete nach dem Beutel um seinem Hals. „Weißt du, was das ist?“, fragte er. „Es hat, glaube ich, etwas mit einem Jäger zu tun, dessen Bild mich, seit ich hier bin, verfolgt.“
Jojo besah sich den Beutel und befühlte ihn eingehend. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein, dazu kann ich dir nichts sagen. Das ist nach meiner Zeit auf der Erde gewesen. Ich gebe dir den Rat, den Beutel vorerst nicht zu öffnen. Der rechte Augenblick dafür wird sicher irgendwann kommen.“
Eine weitere Frage lag Waldemar noch auf dem Herzen, aber die zu stellen, kostete ihn viel Überwindung.
„Was weißt du sonst noch von meinem letzten Leben auf der Erde?“, brachte er schließlich heraus.
„Im Großen und Ganzen nicht viel“, musste Jojo zugeben, „eigentlich nur den Anfang bis zum Tag unserer Trennung und die letzten drei Jahre, die ich von einer geistigen Warte aus betrachten durfte, um dir später helfen zu können. Vieles konnte ich mir natürlich zusätzlich zusammenreimen. Aber ich will dir nur das Notwendigste erzählen. Der Herr der Welten, der Schöpfer von allem, hat dir eine sehr schwere Prüfung auferlegt, die du nicht bestanden hast. Du bist in soziale Strukturen hineingeboren worden, die oft nicht besonders glücklich für dich waren, und später bist du auch selber Beziehungen eingegangen, die unglücklich verliefen. Der Zusammenbruch fast sämtlicher dieser Bindungen fand statt, als du Mitte zwanzig warst, um dein altes, engstirniges Weltbild, das du dir im Laufe der Zeit aufgrund von tiefsitzenden Ängsten zugelegt hattest, aufzubrechen und zu zerstören. An seine Stelle hätte ein neues, segensreiches Weltbild treten sollen, mit dem du in der Lage gewesen wärst, anderen zu helfen.
Doch dafür ist ein seelischer Umbau nötig, der sehr erschreckend und schmerzhaft sein kann.
Eine Weile hast du dich in Nervenheilanstalten aufgehalten, obwohl du es eigentlich nicht wolltest. Aber du hast keine andere Möglichkeit gesehen. Der Hügel der Gottlosen, von dem du dich ja zum Glück losgesagt hast, war ein Abbild deiner Ängste vor solchen Einrichtungen, die in der Tat völlig ungeeignet sind, um wieder zu gesunden. Vieles ist damals zusammengekommen, und so bist du im Chaos der Gefühle untergegangen.“
„Und du meinst, ich soll es noch einmal versuchen auf der Erde?“
„Irgendetwas musst du versuchen, es sei denn, du willst immer in diesem Niemandsland bleiben. Wenn du aber am Weltenbaum emporsteigst, wird dein Weg dich in Situationen führen, die du durchstehen musst und aus denen du lernen sollst, damit du hoffentlich irgendwann einmal wieder die Chance bekommst, auf der Erde wiedergeboren zu werden. Das hängt von der Gnade des Herrn der Welten ab. Aber du kannst deinen Teil dazu tun. Es wird ein harter, leidvoller, aber auch spannender Weg sein.“
Waldemar nickte und starrte grübelnd vor sich hin.
„Ich denke“, meinte Jojo, „wir sollten das Gespräch an dieser Stelle beenden. Morgen ist ein neuer Tag.“
Damit stand er auf und kletterte aus der Mulde hinaus. Waldemar schaute ihm nachdenklich hinterher und sah, wie er über die Wurzeln stieg und schließlich irgendwo zwischen ihnen verschwand. Dann fiel sein Blick auf Jodie, die immer noch auf der gleichen Stelle saß und vor sich hinstarrte. Er ging zu ihr und setzte sich neben sie.
Mittlerweile war es dämmrig geworden, und ein wunderschöner Mond stand am Himmel. Waldemars Sehnsucht nach Jodie war noch niemals größer gewesen als in diesem Moment. Auch die Angst, sie möglicherweise bald zu verlieren, spielte dabei eine Rolle. Er zog sie an sich und küsste sie. Eine ganze Zeit blieb sie abweisend, dann erwiderte sie jedoch zögernd seinen Kuss. Da glitt er in einen Rauschzustand von Glückseligkeit hinein und vergaß alles um sich herum. Unzusammenhängende, wirre Worte sprudelten ihm aus dem Mund, die er ihr unter Küssen zuflüsterte, und kaum hatte er sie gesagt, wusste er sie schon nicht mehr.
Jodie und er blieben in dieser Nacht zusammen. Als sie zuletzt eng aneinandergekuschelt in einem Moosbett zwischen zwei Wurzeln lagen und Jodie neben ihm eingeschlafen war, lag Waldemar noch lange in einer Art Trance und starrte den Mond an.
Auf einmal spürte er mit einer untrüglichen Gewissheit, dass dies ihre einzige Nacht bleiben würde. Obwohl er darüber sehr traurig war, merkte er doch, dass es nicht anders sein konnte. Ja, er meinte plötzlich zu erkennen, dass hinter diesem Geschehen ein verborgener Sinn waltete. Hatte es etwas mit seiner Vergangenheit zu tun, dass er sich in Jodie verliebt hatte? Warum fühlte er sich so sehr zu ihr hingezogen?
Weil sie so arm und hilflos aussieht, sagte er sich. Ich möchte sie beschützen. Sie ist wie meine kleine Schwester, die... – Er zuckte unwillkürlich zusammen. Schwester? Hatte er eine Schwester gehabt?
„Nein“, murmelte er vor sich hin. Der Schleier seiner Vergangenheit schien sich gerade ein wenig zu lüften. „Ein Bruder ist es gewesen, ein Bruder. Ich sehe ihn wieder deutlich vor mir. Ein paar Jahre jünger als ich. Wir haben uns oft gestritten. Trotzdem wussten wir, was wir voneinander hatten. Aber eine Schwester?“
Nicht im letzten Leben, flüsterte da eine Stimme in ihm. Nicht im letzten Leben! Sie ist nicht durchgekommen, ist zurückgefallen durch den tiefen Weltenbrunnen in ein fernes Land. Du hast gesucht nach ihr auf der Erde und hast sie nicht finden können.
Sollte das wahr sein? Er schaffte es nicht mehr, sich weitere Gedanken darüber zu machen, denn da übermannte ihn der Schlaf.
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Ingo Laabs (Autor) – BeitragVerfasst am: 30.12.2009, 23:27 –
Die Reise ins grüne Land

Am nächsten Morgen fühlte er sich gestärkt und unternehmungslustig. Jojo und Jodie waren bereits aufgestanden und unterhielten sich angeregt miteinander. Dabei knabberten sie Bucheckern. Er blieb noch ein wenig auf seinem weichen Mooslager liegen und dachte nach. Die Nachtruhe hatte einiges in ihm geklärt, und vor ihm schien sich ein Weg aufzutun, den er beschreiten musste.
Jojo rief nach ihm. Er rappelte sich auf und gesellte sich zu ihnen. Während er von den Bucheckern nahm, erklärte ihm sein Freund, wie die Reise weitergehen sollte.
„Heute kommt ein Eichhorn, das am Weltenbaum auf- und abrennt. Es wird uns mitnehmen. So können wir die jeweiligen Welten erreichen, die für uns vorgesehen sind.“
Waldemar schluckte. „Wirst du uns verlassen, Jodie?“, fragte er leise.
Sie sah ihn nicht direkt an, bewegte die Lippen etwas, sprach aber kein Wort. Da wusste er, dass sie sich entschlossen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er wollte sie bitten, zu bleiben, aber er sah ein, dass es keinen Zweck hatte. Bedrückt stand er auf und ging zur Quelle, um zu trinken und sich zu waschen.
Das eiskalte Wasser, das er sich ins Gesicht klatschte, tat ihm gut und verscheuchte die traurigen Gedanken etwas. Als er zurückkam, standen die beiden anderen mit den Köpfen im Nacken da und starrten am Baum hinauf.
„Das Eichhorn kommt“, sagte Jojo und deutete nach oben.
Waldemar richtete seinen Blick dorthin und schaute angestrengt. Da meinte er an dem dicken Stamm einen kleinen rotbraunen Schemen zu erkennen, der sich rasch abwärtsbewegte. Er war noch sehr weit entfernt, und Waldemar fragte sich, wie groß das Eichhorn wohl sein würde, da es jetzt schon so gut sichtbar war. Es musste mindestens die Größe eines Elefanten haben. Er schauderte. Während er jedoch weiter nach oben blickte, fiel ihm auf, dass der Schemen seine Größe seltsamerweise beizubehalten schien.
Eine Weile dauerte es noch, bis das Eichhorn ganz herabgekommen war. Schließlich blieb es auf einer Baumwurzel vor ihnen sitzen, rollte seinen Schwanz auf und schaute erwartungsvoll. Waldemar rieb sich verwundert die Augen. Es war nicht größer als jedes gewöhnliche Tier seiner Art auch.
Ihm wurde mulmig, denn von dem Eichhorn ging eine seltsame, zauberische Ausstrahlung aus. In seinen Augen lag ein unergründlicher Glanz, und in seinem Fell schien es zu knistern und zu funken.
„Wie sollen wir denn zu dritt auf so einem kleinen Tier Platz haben?“, fragte er und schaute Jojo verwirrt an.
Der lächelte nur. „Pass auf, das wirst du gleich sehen.“
Damit nahm er einen Anlauf und sprang auf das Eichhorn zu. Waldemar blieb der Atem stehen, denn er meinte nichts anderes, als dass sein Freund das arme Tier mit seinem Gewicht zerquetschen würde, wenn es diesem nicht noch rechtzeitig gelang, unter ihm zu entwischen. Doch nichts dergleichen geschah. Jojo landete wohlbehalten auf dem Rücken des Eichhorns und winkte ihm und Jodie zu. Waldemar schüttelte den Kopf. Jojo musste während des Sprunges so sehr geschrumpft sein, dass er nun genau die richtige Größe für einen Eichhornreiter hatte. Doch Waldemar hätte Stein und Bein schwören können, dass er sich nicht verändert hatte.
Jodie nahm ebenfalls einen Anlauf und landete hinter Jojo.
„Komm“, rief dieser ihm zu. „Lassen wir das Land der ungeahnten Möglichkeiten hinter uns! Die passendste aller möglichen Welten möge für uns nun zur Realität werden!“
Da sprang auch Waldemar dem Eichhorn auf den Rücken.
Sogleich begann das Tier am Weltenbaum hinaufzuklettern. Waldemar, der ganz hinten saß, bekam es mit der Angst, denn er glaubte, dass er gleich hinunterrutschen würde, da es nun senkrecht in die Höhe ging. Doch seine Angst schien unbegründet zu sein, denn er saß so sicher, als würde er auf ebener Strecke reiten. Galten die Gesetze der Schwerkraft an diesem geheimnisvollen Baum nicht? Er klammerte sich an Jodie fest.
Nicht lange dauerte es, da hatten sie eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass ihm der Wind durchs Haar wehte. Als er einen Blick zurückwarf, lag die silberne Steppe bereits weit unter ihnen.
Höher und höher kletterte das Eichhorn. Wie lange sie unterwegs waren, vermochte er nicht zu sagen. Der Erdboden war schon längst nicht mehr zu sehen, und um sie herum hatte sich ein leichter Nebel ausgebreitet. Er nahm an, dass sie jetzt wohl die untersten Wolkenschichten erreicht hatten. Manchmal tauchten dicke Äste vor ihnen auf, die das Eichhorn weitläufig umrundete. Zu welchen Welten würde man wohl gelangen, wenn man auf ihnen entlangliefe?, überlegte er. Die Äste ragten jedoch in den Nebel, und er konnte nicht erkennen, wohin sie führten.
Schließlich gelangten sie zu einem Loch im Stamm, einer richtigen kleinen Höhle, in die das Eichhorn hineinkletterte. Auf dem Fußboden lag Moos, vermischt mit einigen trockenen Blättern. Wahrscheinlich machte es hier häufiger Rast auf seinem Weg.
Jojo, Waldemar und Jodie stiegen ab, setzten sich ins Moos und streckten die Beine aus. Das tat gut nach dem ungewöhnlichen Ritt.
Jojo holte wieder seinen Beutel mit den Bucheckern hervor und gab dem Eichhorn eine gute Portion. Es schien ihn freundlich anzublicken und fing dann an zu fressen. Auch die drei Reiter langten zu.
„Schade, dass wir nichts zu trinken haben“, sagte Waldemar.
„Vielleicht doch,“ meinte Jojo, stand auf und suchte in einer dunklen Ecke der Höhle. Dann kam er mit einer staubigen Weinflasche zurück. Waldemar und Jodie machten große Augen.
„Die liegt hier seit etwa zwanzig Jahren“, sagte er. „Als ich noch bei dir auf der Erde weilte, habe ich sie mal aus dem Weinkeller deines Onkels mitgehen lassen. Ich hoffe, du bist mir nicht böse deswegen.“ Er schaute etwas schuldbewusst.
Waldemar musste grinsen. „Nein, ganz im Gegenteil. Etwas Besseres hättest du gar nicht tun können!“ Plötzlich erinnerte er sich wieder daran, dass sein Onkel einen großen Weinkeller mit seltenen, kostbaren Weinen gehabt hatte. Er selber hatte oft und gerne davon getrunken. Mit Verlangen blickte er auf die Flasche. Sie kam ihm vor wie ein Zaubertrank, der ihm den Zugang zu vergangenen Zeiten öffnen konnte. Jojo entkorkte sie mit dem Korkenzieher seines Taschenmessers und reichte sie Jodie. Sie trank einen Schluck.
Als Waldemar die Flasche von ihr bekam und an den Mund setzte, rann ihm der Wein wie Feuer durch die Kehle. Er fühlte sich mit einem Mal leicht, wie in eine andere Welt versetzt. Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf. Da war ein Zimmer, ziemlich unaufgeräumt, viel Krimskrams. War es sein Studentenzimmer auf der Erde? Er sah sich dort mit zwei Freunden sitzen und Wein trinken, fast genauso wie hier in der Baumhöhle. Ihre Namen schienen ihm auf der Zunge zu liegen, aber er konnte sich dann doch nicht mehr daran erinnern.
Auf einem Stapel Bücher stand die Figur eines kleinen Trolls mit gesträubten Haaren. Er grinste etwas irre. Waldemar musste bei seinem Anblick an Jodie denken. Warum? Hatten sie sich schon einmal auf der Erde getroffen? War der Troll damals ein Geschenk von ihr gewesen? Er konnte es nicht sagen. Die Vision entschwand vor seinen Augen, und die Höhle nahm wieder Gestalt an.
Auf einmal fühlte er sich unglücklich und wusste nicht, wieso. Er trank noch einen Schluck Wein, aber der schmeckte ihm nicht mehr. Da gab er Jojo die Flasche zurück und legte sich ins Moos.
Jodie beugte sich über ihn und strich ihm über den Kopf. „Was ist?“, fragte sie.
„Es war das letzte Mal, dass wir drei zusammen waren“, murmelte er und war sich kaum bewusst, was er sagte.
„Wer wir?“, fragte Jodie. Aber Waldemar war bereits eingeschlafen.

Durch ein gleichmäßiges Rütteln wurde er wach. Sie waren bereits wieder am Weltenbaum unterwegs. Waldemar saß diesmal in der Mitte zwischen Jodie und Jojo und verspürte einen mächtigen Druck im Kopf. War der Wein daran schuld, die zwei Schlucke? Das war doch eigentlich nicht möglich. Unzusammenhängende Bilder spukten vor seinem inneren Auge herum. Er konnte sie nicht fassen und festhalten. Langsam ließ er seinen Kopf sinken und nickte wieder ein.
Als er ein zweites Mal wach wurde, befand er sich auf ebenem Grund. Etwas schlaftrunken richtete er sich auf und blickte sich um. Er konnte Jojo und Jodie nirgends entdecken. Auch das Eichhorn war fort. Waldemar wurde von einer ängstlichen Unruhe ergriffen. Hatten sie ihn allein gelassen? War er zuletzt doch vom Rücken heruntergerutscht und irgendwo gelandet, wo sie ihn nicht finden würden? Er sprang in Panik auf die Beine. Aber nein, die Aufregung war umsonst. Da saßen Jojo und Jodie ja, etwas abseits, er hatte sie nur nicht gleich gesehen. Alles war gut. Er lächelte erleichtert und ging auf sie zu.
„Wir sind am Ziel“, sagte Jojo. „Zunächst einmal jedenfalls. Was du hier siehst, ist einer der vielen dicken Äste des Weltenbaums. Wenn wir seinem Verlauf folgen, werden wir in die für uns vorgesehenen Welten gelangen. Übrigens werden wir zu Fuß weitergehen müssen, denn das Eichhorn hat sich schon wieder auf den Weg gemacht. Es muss noch andere Reisende transportieren.“
Waldemar kniete sich hin und strich mit der Hand über die Rinde. Sie fühlte sich rau und fest an und hatte eine graugrüne Farbe. Als er aufblickte, sah er, dass sich vor ihnen ein breiter Weg erstreckte, der links und rechts von grünen Zweigen wie eine Allee gesäumt wurde. Ein Sich-Verirren und Abrutschen schien also kaum möglich zu sein.
Bald setzten sie ihre Reise fort. Waldemar trottete hinter Jojo und Jodie her und war nachdenklicher Stimmung. In den Zweigen zwitscherten viele Vögel unscheinbarer Farbe. Manchmal hatte er das Gefühl, als würden sich auch andere, größere Wesen im Dickicht verbergen. Die Zweige erinnerten ihn an einen richtigen Wald.
Plötzlich musste er daran denken, dass er in seinem letzten Leben auf der Erde viele lange Waldspaziergänge gemacht hatte, alleine und auch zusammen mit Freunden und Bekannten. Es gab kaum jemanden, den er nicht dazu eingeladen hätte, mit ihm in den Wald zu gehen. Er hatte geheimnisvolle Elfen- und Feenplätze aufgesucht und Kräuter gesammelt, aus denen er Tabak gemacht hatte. Auch Waldmeister hatte er geerntet für eine Maibowle. Ganz besonders hatten es ihm die keltischen Feste angetan – Beltaine am 1. Mai, Samhain am 31. Oktober und noch andere. An solchen Abenden hatte er mit seinen Freunden lange am Lagerfeuer gesessen und Met und Bowle getrunken. Ja, er hatte sich sehr mit Elfen und anderen guten Naturgeistern verbunden gefühlt, und im Laufe der Zeit war es dahin gekommen, dass er die Menschen und ihre zerstörerische Lebensweise immer mehr hasste und ablehnte. Gleichzeitig waren seine tiefsitzenden Ängste vor ihnen, vor der Welt und einem Leben in ihr stärker geworden, so dass er sich zurückzog und in seine Phantasie flüchtete.
Eines Sommers war er auf die grüne Insel gereist, nach Irland. Er hatte dort nach seiner Schwester gesucht, nach jener Schwester, die er in seinem letzten Leben nicht gekannt hatte und nach der er doch eine so geheimnisvolle Sehnsucht verspürte. Es war kurz vor seinem Tod gewesen. Aber er hatte sie nicht finden können.
Jetzt mahnte ihn eine innere Stimme, dass die Zeit gekommen wäre, die Suche nach ihr fortzusetzen. Er nickte, um sich selbst zu bestätigen, denn daran hatte er ja bereits an den Wurzeln des Weltenbaums gedacht, als er die Nacht mit Jodie zusammengewesen war.
Und kaum war dieser Entschluss endgültig gefasst, tauchte vor ihnen wie aus dem Nichts eine Weggabelung auf.
Jodie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Ich muss gehen“, sagte sie und nahm ihn in den Arm. Lange blieben sie so stehen. Waldemar hatte gewusst, dass dieser Moment irgendwann kommen würde, doch jetzt, da es soweit war, fiel es ihm sehr schwer, sich von ihr zu trennen. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Jeder von ihnen musste seiner Bestimmung folgen, und was die ihrige war, konnte er nicht sagen. Sie würde genauso unbekannt und geheimnisvoll von dannen gehen, wie sie in sein Leben getreten war.
„Vielleicht sehen wir uns einmal wieder“, sagte er. „In einem neuen Leben.“
Sie schaute ihn an und nickte. Dann wandte sie sich ab und ging zu Jojo, gab ihm die Hand. Die beiden wechselten nur wenige Worte. Jodie schlug den Weg zur Rechten ein und blickte sich nicht mehr um. Ihre Gestalt wurde rasch kleiner und löste sich zuletzt in einem Nebel auf.
Waldemar und Jojo sahen ihr noch eine Weile hinterher. Schließlich setzten sie ihren Weg zur Linken fort. Beide schwiegen lange Zeit. Waldemar schritt hastig voran. Er wollte das, was hinter ihm lag, möglichst schnell vergessen und sich seiner neuen Aufgabe zuwenden.
Nachdem mehrere Stunden vergangen sein mussten, machten sie eine Pause an einem großen, mit Wasser gefüllten Astloch, um sich zu erfrischen. Danach legten sie sich hin.
„Du hast einen Plan, wie es weitergehen soll?“, fragte Jojo.
Waldemar nickte. Er berichtete ihm von dem, was ihm in der letzten Zeit durch den Kopf gegangen war.
Jojo dachte nach. „Wenn es wirklich dein Wunsch und deine Bestimmung ist, deine Schwester zu finden“, meinte er, „könnte es sein, dass wir jetzt auf ein Land zusteuern, das dem Irland der Erde ähnlich ist. Eine Parallelwelt sozusagen. Lassen wir uns überraschen. Dort müssen wir dann hoffen, jemanden zu finden, der uns bei der schwierigen Suche hilft oder zumindest einen Rat geben kann.“
Eine Weile ruhten sie, um neue Kräfte zu sammeln. Dann machten sie sich wieder auf den Weg. Sie waren noch nicht lange unterwegs, da hatte Waldemar das Gefühl, als würde es allmählich nebliger um sie herum werden. Er musste daran denken, wie Jodie im Nebel verschwunden war. Es bedeutete vielleicht, dass sie gerade dabei waren, die Grenze zu der unbekannten Welt zu überschreiten.
Der Nebel wurde immer dichter. Regenwolken türmten sich über ihnen auf. Der Boden war auf einmal nicht mehr die Rinde des Weltenbaumastes, sondern nasses Gras. Jojo drehte sich kurz zu ihm um und nickte, als wollte er sagen: „Wir sind da.“
Waldemar schaute ihn verwundert an, denn ihm fiel auf, dass er nicht mehr seinen futuristischen, silbernen Anzug trug, sondern eine Lederhose und ein wollenes Hemd. Auch er selber hatte ähnliche Kleidung am Leib. Seine Klamotten aus dem Hügel der Gottlosen waren verschwunden.
Die Verwunderung darüber hielt jedoch nicht lange an, denn bei dem Eintritt in die neue Welt verblassten die Erinnerungen an ihre zurückliegenden Abenteuer plötzlich rasend schnell in ihm. Zwar war es nicht so, dass er sie ganz vergaß, aber sie schienen ihm in weite Ferne gerückt und ewig her zu sein.
Als sich der Nebel vor ihren Augen kurzzeitig etwas lichtete, blickte Waldemar auf eine weite Graslandschaft. Einige grüne Hügel wölbten sich daraus empor. Immer wieder lagen bizarre Felsbrocken auf dem Boden verstreut, mal größere, mal kleinere, und dann tauchte mit einem Mal ein steinernes keltisches Kreuz vor ihnen auf. Waldemar berührte es vorsichtig. Dabei hatte er das Gefühl, als würden seine Hände anfangen zu kribbeln.
Als sie weitergingen, begann er zu frösteln. Die Feuchtigkeit war mittlerweile durch seine gesamte Kleidung gedrungen. Er fühlte sich schwach und hoffte, dass er keine Erkältung bekommen würde. Seine Schritte wurden langsamer und schleppender.
Jojo schaute sich besorgt nach ihm um. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verlieren“, sagte er. „Auch sollten wir zusehen, dass wir demnächst einen Platz zum Schlafen finden. Wenn ich nur wüsste, wo! Es wird bald dunkel.“
Nach einer Weile erblickten sie vor sich auf einem Hügel eine schwarze Burgruine, die Waldemar sehr unheimlich vorkam.
„Na bitte!“, rief Jojo. „Da haben wir unser Schlafquartier!“
„Bist du sicher, dass wir da übernachten sollen?“, fragte Waldemar.
„Ich denke, wir haben kaum eine andere Wahl“, gab Jojo zurück. „Dort sind wir wenigstens vor dem Regen geschützt.“
Als sie sich der Ruine näherten, flog aus einem der Fenster des verwitterten Turmes eine riesige Fledermaus auf und zog in geringer Höhe links an ihnen vorbei. Beim Anblick des gewaltigen Schwingentieres schauderte Waldemar. Das ist kein gutes Omen, dachte er. Aber was half es? Ungeschützt im nassen Gras zu schlafen war ebenfalls keine besonders verlockende Vorstellung.
Schließlich standen sie innerhalb der Burg. Von den Mauern waren nur noch Reste übrig, durch deren Zwischenräume ein kalter Luftzug wehte. Der Turm war jedoch einigermaßen gut erhalten. Man konnte ihn durch einen niedrigen Eingang betreten. Eine Tür, die diesen einstmals verschlossen hatte, war offenbar von einer mächtigen Gewalt herausgerissen worden, und nur noch die verbogenen Angeln waren zurückgeblieben.
Waldemar spähte hinein. Rechts führte eine Wendeltreppe den Turm hinauf, links ging es hinunter in einen dunklen Keller. Der Boden war übersät mit abgebröckelten Steinen.
Zweifelnd blickte er Jojo an, der zu ihm getreten war. Auch er schien nicht besonders erbaut von der Ruine zu sein. Langsam zog er etwas aus der Hosentasche, das wie eine große rote Murmel aussah.
„Lass uns mal den Keller näher betrachten“, sagte er und hauchte die Murmel an. Da fing diese in einem fahlen, rötlichen Licht an zu leuchten.
„He, was ist denn das?“, flüsterte Waldemar ehrfürchtig.
„Das ist mein Karfunkel“, antwortete Jojo. „Den habe ich vor langer Zeit mal von einer alten Frau geschenkt bekommen, die ich vor den Beschimpfungen üblen Pöbels gerettet habe. Aber das ist eine andere Geschichte. Komm jetzt!“
Vorsichtig stieg er die Kellerstufen hinab. Waldemar folgte ihm. Das fahle Licht des Karfunkels war hell genug, dass sie ausreichend sehen konnten. Nach etwa dreißig Stufen kamen sie in einen größeren Raum, in dem etwas Stroh lag. Jojo leuchtete umher und suchte sorgfältig Boden und Wände ab. Waldemar stand unschlüssig herum. Zufällig warf er einen Blick in die rechte Ecke und sah dort etwas liegen. Er ging hin und hob es auf. Es war ein verrostetes Schwert.
Als Jojo das Schwert in Waldemars Hand entdeckte, stieß er einen leisen Pfiff aus.
„Das ist aber eine alte Klinge“, sagte er. „Wer weiß, wie lange die hier schon liegt.“
Waldemar beschloss, das Schwert zu behalten. Vielleicht würde er es brauchen können.
„Meinst du, wir können es wagen, hier die Nacht zu verbringen?“, fragte er.
„Ich denke schon“, meinte Jojo. „Ich habe jedenfalls nichts Verdächtiges finden können.“
Sie schoben das Stroh auf dem Boden zu einem Haufen zusammen und legten sich hinein. Waldemar legte das Schwert neben sich. Er fror erbärmlich und klapperte mit den Zähnen.
„Wie soll ich es nur aushalten in dieser Kälte und Feuchtigkeit?“, fragte er verzweifelt.
„Ich weiß da eine Möglichkeit“, sagte Jojo. „Schau her, ich lege meinen leuchtenden Karfunkel zwischen uns, und dann machst du die Augen zu und stellst dir mit aller Macht vor, dass wir um ein prasselndes Feuer liegen, das dich am ganzen Leib trocknet und wärmt. Probier ´s aus!“
Waldemar gehorchte. Nach einer Weile hörte tatsächlich sein Zähneklappern auf, und er hatte das Gefühl, als würde die Nässe aus seinen Kleidern verdampfen. Des Karfunkels rötliches Licht, das er auch mit geschlossenen Augen wahrnehmen konnte, spürte er als Wärme seinen Körper durchdringen. Schließlich fiel er in einen Halbschlaf.
In einem undeutlichen Traumbild sah er nun das Feuer vor sich. Er befand sich in einer dunklen Höhle, und ihm gegenüber saß ein alter Mann mit einem langen weißen Bart. Der Alte hatte ein mit Runen verziertes Schwert auf seinen Knien liegen. Es schien Ähnlichkeit mit dem zu haben, was er gefunden hatte.
Waldemar fühlte eine tiefe Zuneigung zu dem Alten. Es kam ihm vor, als hätte er die Macht, ihm aus allen Schwierigkeiten herauszuhelfen oder zumindest eine Antwort auf seine Probleme zu wissen. Wie sehr hatte er sich immer gewünscht, einen so weisen Menschen zu treffen!
Der Alte blieb jedoch stumm und in sich gekehrt, sog Rauch aus einer langen Pfeife ein und blies ihn ins Feuer. Waldemar traute sich nicht, ihn anzusprechen. Er kam ihm so fern vor, so entrückt, als wäre er nur ein Bild aus einem vergessenen Märchen, das er vielleicht irgendwann einmal gekannt hatte, vielleicht aber auch nicht. Eine Zeitlang saßen die beiden schweigend am Feuer. Waldemar versuchte, die Gedanken seines Gegenübers zu lesen, doch das wollte ihm nicht gelingen.
Plötzlich war der Alte verschwunden. Er selbst befand sich mit einem Mal auf einer weiten, grünen Ebene, die ihm sehr trostlos vorkam. Eine tiefe Verzweiflung wollte ihn überkommen, er rief nach Jojo und seiner Schwester. „Sarah!“, schrie er, „Sarah!“, und war sich kaum des Namens bewusst, den er aussprach.
Niemand antwortete. Nur ein kalter Wind wehte und trieb kleine Büschel von Schafwolle über die Ebene. Schließlich wachte er schweißgebadet auf.
Der Karfunkel war erloschen. Jojo neben ihm schlief, das konnte er an den gleichmäßigen Atemzügen hören. Ihm wurde wieder kalt, er bekam Angst im dunklen Keller.
Hatte sein Traum eine tiefere Bedeutung gehabt? Würde er seine Schwester finden können? Wo sollte er suchen? Er konnte sich auf diese Fragen keine Antwort geben, obwohl er seinen Kopf zermarterte. Zuletzt schlief er wieder ein.

Als er die Augen aufschlug, drang von der Treppe ein schwacher Lichtschein in den Keller. Der Platz neben ihm im Stroh war leer. Hastig sprang Waldemar auf die Beine, ergriff sein Schwert und rannte die Treppenstufen hinauf.
Draußen herrschte strahlender Sonnenschein, keine Spur mehr des gestrigen Nebels. Die Luft war herrlich frisch. Jojo lag auf einem der niedrigeren Mauerreste und genoss das schöne Wetter.
Waldemar trat zu ihm und schaute sich um. Im Hellen sah die Ruine wesentlich freundlicher aus, nicht mehr so schwarz und bedrohlich wie am Abend zuvor.
„Gut geschlafen?“, fragte Jojo.
„Na ja, geht so“, meinte Waldemar. „Ich hab was Komisches geträumt. Daraus kann ich gar nicht so richtig klug werden.“
„Wir wollen mal sehn.“ Jojo rappelte sich auf und sprang vom Stein hinunter. „Erstmal essen wir Frühstück.“
„Wieder Bucheckern aus deinem Beutel?“ Waldemar hatte nicht viel Hoffnung auf eine Abwechslung.
„Nein, weit gefehlt. Ich habe, während du noch geschlafen hast, von dem Hirten, den du dort hinten bei seinen Schafen siehst, Brot und Käse bekommen. Seine Hütte ist hier ganz in der Nähe. Schade, hätten wir das gewusst, hätten wir uns die Nacht in der Ruine sparen können.“
Waldemar schaute hinüber. Der Mann winkte ihm grüßend zu.
Er erwiderte den Gruß lächelnd und freute sich, einen so netten Menschen zu treffen.
Doch plötzlich musste er wieder an die Schafwollbüschel aus seinem Traum denken, die vom Wind durch die einsame Landschaft getrieben wurden. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er wandte sich schnell ab.
Jojo legte die Esswaren auf den Stein. Dann tafelten sie beide in aller Ruhe unter freiem Himmel. Waldemar konnte sich nicht daran erinnern, dass ihm irgendetwas schon einmal so gut geschmeckt hatte. Jojo hatte auch einen Lederbeutel mit Wasser dabei, den er ebenfalls von dem Hirten bekommen hatte.
Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatten, erzählte Waldemar von seinem undeutlichen Traum im Keller. Jojo hörte aufmerksam zu und legte seine Stirn in Falten. Auch betrachtete er noch einmal genau das alte Schwert, das Waldemar mitgebracht hatte.
„Der Traum ist komisch“, sagte er. „Irgendwas gefällt mir daran nicht, aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, was, und ob er irgendeine Bedeutung hat oder nicht.“
Er schaute bedenklich und schüttelte den Kopf. So hatte Waldemar seinen Freund noch nie erlebt.
Ein ungutes Gefühl wollte ihn beschleichen, doch er drängte es zurück und schob den Traum beiseite. Bei dem schönen Wetter wollte er nicht mehr daran denken.
Der Sonnenschein lockte ihn, die Reise fortzusetzen.
„Lass uns aufbrechen“, sagte er. Er steckte das Schwert hinter den Strick, der ihm als Gürtel für seine Hose diente.
Bald waren die beiden wieder unterwegs.


Sarah

Mehrere Stunden wanderten sie durch die grüne Landschaft, die ihren Reiz erst jetzt richtig entfaltete. Waldemar genoss die endlose Weite und die intensive Blaufärbung des Himmels. Hier fühlte er sich zu Hause und wünschte sich, für immer bleiben zu können. Vielleicht würde er sich eine kleine Hütte aus Holz und Grassoden bauen und mit einer schönen Schäferin zusammen ein einfaches Leben führen. Bei dem Gedanken machte sich auf seinem Gesicht ein glückseliges Lächeln breit.
Jojo räusperte sich und riss ihn aus seinen Träumereien.
„Langsam sollten wir uns überlegen, wie wir deine Schwester finden wollen“, sagte er.
Ja, richtig! Waldemar kehrte in die Realität zurück. Er war hier wegen Sarah. Ihr Name, den er schon im Traum gerufen hatte, fiel ihm wieder ein. Fast schämte er sich ein wenig, dass er sie für den Augenblick vergessen hatte.
„Versuche dich zu erinnern“, sagte Jojo, „was weißt du noch über sie? Spürst du vielleicht eine Verbindung zu ihr? Wo könnte sie sein?“
Waldemar blieb stehen und dachte nach. Doch sein Innerstes war im Moment wie ausgestorben und gab ihm keinen Hinweis.
„Vielleicht sollten wir zunächst einmal einen Hirten oder sonst jemanden fragen, wo wir überhaupt hinkommen, wenn wir in diese Richtung weitergehen“, schlug er vor, da ihm gerade nichts Besseres einfiel. „Das hätten wir eigentlich schon heute Morgen tun sollen.“
„Ja, da hast du natürlich recht“, musste Jojo zugeben. „Ich habe auch nicht daran gedacht.“
Nach einer Weile kamen sie zu einer Ansiedlung und klopften an die Tür des erstbesten Hauses. Dort wohnte ein junges Ehepaar, das ein kleines Kind hatte. Der Mann lud sie freundlich ein, mit ihnen zu Mittag zu essen. Er war ein Fischer und gewann seinen Lebensunterhalt aus einem in der Nähe liegenden größeren See.
Die beiden Freunde teilten mit den Eheleuten das einfache Mahl aus Kartoffeln und Dörrfisch, und es schmeckte ihnen vortrefflich. Waldemar wurde wehmütig ums Herz, als er bemerkte, welch liebevolle Atmosphäre in dieser kleinen Hütte herrschte. In solch einer Familie wäre er auch gerne aufgewachsen.
Nach dem Essen ging der Mann mit ihnen hinaus, um ihnen den Weg zu beschreiben.
Er deutete nach Westen, in die Richtung, in die sie bisher gegangen waren. In einiger Entfernung konnte man ein paar größere Hügel sehen, fast schon kleinere Berge.
„Dort geht es zum schwarzen Schloss“, sagte er. „Leider kann ich euch nicht viel mehr darüber sagen, denn ich bin noch nie dort gewesen. Aber es soll nicht allzu weit hinter den Hügeln stehen.“
Waldemar schaute Jojo bedeutungsvoll an und nickte. Auf einmal wusste er Bescheid, dass ihre Reise dorthin gehen musste. Etwas in ihm hatte „klick“ gemacht, und jede weitere Erklärung erschien ihm überflüssig.
Die beiden bedankten sich bei dem Fischer und seiner Frau, verabschiedeten sich und gingen in Richtung der grünen Berge. Jojo stellte kaum Fragen, denn er wollte Waldemar die Verantwortung bei der Suche nach seiner Schwester überlassen.
Bald wurde das Gelände steiniger und unwegsamer. Die Sonne, die am Morgen noch so hell und klar geschienen hatte, war bleicher und blasser geworden, denn ein dünner nebliger Schleier hatte sich unmerklich über den Himmel gebreitet.
„Ob wir mal einen der Berge besteigen?“, schlug Waldemar vor. „Vielleicht können wir schon in der Ferne das Schloss sehen.“
„Ich weiß nicht recht“, gab Jojo zur Antwort, „mir gefallen diese Hügel nicht. Man hört doch immer, dass dort das gute Volk haust.“
„Das gute Volk?“
„Ja, so nennt man sie, die Elfen, die Unterirdischen, weil man hofft, dass sie einem nichts tun. In Wirklichkeit sind sie ganz und gar nicht ungefährlich.“
Waldemar schauderte ein wenig. Die Elfen! In seinem vergangenen Leben hatte er sich mit ihnen doch so verbunden gefühlt. Aber da waren sie anders gewesen, groß und schlank, hatten spitze Ohren, und der Wald war ihre Heimat. So jedenfalls hatte er sie sich immer gern vorgestellt. Nun musste er erkennen, dass das Bild seiner Phantasie mit den Wesen, die Jojo gerade geschildert hatte, nichts oder nur wenig gemeinsam hatte. Dennoch war es möglicherweise von ihnen beeinflusst. Hatte er damals in Irland von Elfen gehört? Er wusste es nicht mehr.
Mittlerweile hatten sie den ersten der grünen Hügel erreicht, und Waldemar begann mit dem Aufstieg. Jojo folgte ihm, ohne ein weiteres Wort der Bedenken zu äußern. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie den Gipfel erklommen und standen auf einem Felsplateau.
Waldemar spähte in die Ferne nach Westen.
„Sieh mal, der schwarze Punkt da hinten! Könnte das das Schloss sein?“
Jojo schaute angestrengt in Waldemars Richtung. „Ja, du hast recht. Ich kann einen Turm erkennen. Also, sollen wir hin?“
Da überkam Waldemar plötzlich eine Art Vision. Das Bild war so intensiv, dass ihm der kalte Schweiß ausbrach. Er musste mehrmals schlucken, bevor er antworten konnte: „Ja, und zwar schnell! Sarah... wird von den Unterirdischen dort gefangengehalten!“
Jojo schaute ihn an.
„Deine innere Stimme beginnt allmählich, sich zu entwickeln“, sagte er anerkennend.

Sie machten sich auf der anderen Seite des Hügels an den Abstieg. Er war nicht ganz einfach. Oft mussten sie über kleinere Felsbrocken klettern, bevor sie wieder so etwas wie einen Pfad fanden. Als sie ungefähr die Hälfte der Strecke hinter sich hatten, trieben ihnen auf einmal einige Nebelschwaden entgegen. Es dauerte nicht lange, da wurden daraus mehr und sie verdichteten sich um sie herum.
„Das ist schlecht“, sagte Jojo und schaute besorgt, „wir müssen warten, bis der Nebel sich verzogen hat. Sonst wird ´s gefährlich.“
Sie suchten sich eine Nische hinter einem größeren Felsen und kauerten sich hinein.
Kalte, feuchte Luft wehte ihnen entgegen.
Waldemar begann es unheimlich zu werden. Er glaubte Wesenheiten zu spüren, die unter ihnen im Hügel hausten und sie beobachteten. Als er seinen Blick nach oben richtete, fuhr er unwillkürlich zusammen. Saß da nicht auf dem Felsen eine kleine, dämonisch wirkende Frau und starrte ihn an? Nein, er musste sich getäuscht haben, es waren nur die Nebelschwaden. Verwirrt schüttelte er den Kopf.
Jojo schien sich ebenfalls nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. „Der Nebel wird immer dichter“, flüsterte er. „Sei bloß vorsichtig. Verlass auf keinen Fall die Nische, egal was passiert.“
Auf einmal hörte Waldemar eine wunderbare Musik. Sie war so unirdisch schön, dass er glaubte, um ihn herum würde ein helles Licht erstrahlen. Vor seinem inneren Auge sah er feenhafte Gestalten einen Reigen tanzen. Etwas abseits von ihnen standen mehrere weißgekleidete Druiden in einem verwitterten Steinkreis, die Hände zu einem Zauberspruch erhoben. Waldemar wusste, dass er, wenn sie ihn zu Ende gesungen hatten, aufstehen und ihrem Ruf folgen würde, keine Macht der Welt könnte ihn zurückhalten. Er hatte zwar Angst davor, aber andererseits wollte er es auch gerne. Es trieb ihn zu den wunderschönen Wesen hin, die, wie er meinte, in einem Paradies lebten, wo ewige Jugend und Freude herrschte.
Eine der tanzenden Schönen scherte nun aus dem Reigen aus und kam auf ihn zu. Von einem flachen Stein nahm sie einen goldenen Kelch und bot ihn ihm lächelnd an. „Bitte trink und sei fröhlich mit uns!“, sagte sie. Waldemar stockte das Herz, denn so hatte er sich immer seine Traumfrau vorgestellt. Sie hatte lockiges rotes Haar, himmelblaue Augen und Sommersprossen. Er streckte seine Hände aus, um den Kelch zu nehmen, aber eigentlich hätte er sie viel lieber gleich umarmt und mit ihr getanzt.
„Wie ist dein Name?“, fragte er, völlig gebannt von ihrer Ausstrahlung.
Doch er bekam keine Antwort. Plötzlich klirrte etwas misstönend, er fühlte sich am Gürtelstrick gepackt und zurückgerissen. Erschrocken schlug er die Augen auf – er musste eingenickt sein! Zu seinen Füßen lag sein rostiges Schwert. Jojo hielt ihn am Gürtel fest und starrte ihn an.
„Habe ich dir nicht gesagt: bleib in der Nische?! Um ein Haar wärst du über den Felsen geklettert, und dann wäre es um dich geschehen gewesen. Dann hätten sie dich gehabt. Ich hätte dich nicht mehr retten können.“
Waldemar fühlte sich elend und unglücklich. Ihm war furchtbar kalt, und er wünschte sich, bei der wunderbaren Frau und den anderen Wesen zu sein, die er geschaut hatte. Aber er wusste, dass das nicht sein durfte. Es war ein Gaukelspiel gewesen, dem er fast erlegen wäre. Mit zitternder Hand griff er nach seinem Schwert.

Nach einiger Zeit lichtete sich der Nebel wieder, so schnell wie er aufgezogen war, und sie konnten ihren Weg fortsetzen. Beide waren froh, als sie den Abstieg geschafft und die grünen Hügel hinter sich gelassen hatten.
„Wie weit mag es wohl noch bis zum Schloss sein?“, fragte Waldemar.
„Na ja,“ meinte Jojo, „bis zum Abend werden wir es wohl erreicht haben. Die Frage ist, was wir dann tun sollen. Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?“
„Nein“, musste Waldemar zugeben. Er wusste, dass es eine verzweifelte Aktion sein würde. Die Bewohner des Schlosses waren möglicherweise von den Elfen im Hügel schon von ihrem Kommen unterrichtet worden, denn es gab mit Sicherheit unterirdische Verbindungen. Hatte es da noch Sinn, sich im Schutz der Dunkelheit anzuschleichen?
„Wir werden einfach hingehen und sehen, was passiert“, entschied er.
Jojo erwiderte nichts darauf, aber er machte ein Zeichen, das soviel heißen sollte wie „Na, dann los!“

Es dauerte eine Weile, bis das Schloss für sie von ebener Erde aus sichtbar wurde. Je näher sie kamen, desto drohender ragte es in den allmählich dunkler werdenden Abendhimmel empor. Niemand war zu sehen, und das machte für Waldemar und Jojo alles noch unheimlicher. Was würde mit ihnen passieren? Wie würden sie empfangen werden?
Endlich hatten sie den Eingang erreicht. Insgeheim hatte Waldemar ein schwarzes Tor erwartet, das fest verschlossen war, so dass sie hätten versuchen müssen, irgendwie - vielleicht vermittelst seines Gürtelstricks – durch ein Fenster oder über die Mauer zu klettern. Aber nichts dergleichen versperrte ihnen den Weg. Sie konnten durch einen düsteren Torbogen einfach eintreten.
„Viel zu einfach“, murmelte Waldemar, „das dicke Ende kommt noch.“ Er zog sein Schwert.
Dann schritten sie durch einen Gang. Sie gelangten zu einer Treppe, stiegen hinauf, und auf einmal öffnete sich vor ihnen ein Saal. An der Decke hing ein riesiger Leuchter mit unzähligen kleinen, roten Diamanten. In ihrer Mitte befand sich ein großer grüner. Die Steine strahlten ein geheimnisvolles Licht aus.
Links und rechts an den Wänden standen gläserne Särge auf dem Boden, in denen Menschen lagen. Waldemar glaubte, dass sie nicht tot waren, sondern nur einen Zauberschlaf schliefen. Gegenüber von ihnen, am Ende des Saals, hing ein breiter, samtener Vorhang. Davor stand ein Tisch, auf dem sich die köstlichsten Speisen türmten.
Als Waldemars Blick darauf fiel, wurde er schwach. Er musste daran denken, wie gut ihm das Mahl des Hirten und der Fischerleute geschmeckt hatte. Nun konnte er nicht widerstehen. „Hunger!“, murmelte er und ging auf den Tisch zu, ohne mehr an irgendeine Gefahr zu denken. Irgendetwas hatte ihn alle Vorsicht vergessen lassen. Jojo griff ihn zwar am Arm und schüttelte den Kopf, aber er riss sich los.
Beim Tisch angekommen aß er von den Trauben und trank einen großen Schluck Wein. Gerade wollte er weiter zulangen, da sah er, dass der samtene Vorhang sich langsam öffnete. Gebannt verharrte er in der Bewegung.
Hinter dem Vorhang wurde ein marmorner Thron sichtbar. Ein Mädchen mit kunstvoll aufgestecktem Haar saß darauf. Sie trug eine winzige Krone auf dem Kopf.
Als sie ihn gewahrte, erhob sie sich langsam und ging auf ihn zu. Ihr langes, weißes Kleid rauschte, ihre Schritte hallten, als sie die marmornen Stufen des Throns hinabstieg.
Waldemar schaute die kleine, würdevolle Person an, und er erkannte ihr bleiches, aber schönes Gesicht wieder.
„Sarah“, flüsterte er. „Sarah.“
Sie blieb vor ihm stehen. Ihr Mund bewegte sich, aber es war kein Ton zu hören. Offenbar befand sie sich im Bann eines Zaubers.
„Wir müssen fliehen, Sarah, schnell, komm mit mir!“ Er griff ihre Hand. Sie schüttelte den Kopf und blickte ihn mit großen traurigen Augen an. Waldemar zögerte. Was war mit ihr? Warum wollte sie nicht mitkommen? Wollte sie lieber als verwünschte Elfenprinzessin im schwarzen Schloss bleiben? Plötzlich bekam er große Angst. Sein Gefühl für Gefahr kehrte mit einem Mal zurück, und irgendetwas kam ihm hier ganz und gar nicht geheuer vor. Er versuchte seine Schwester mit sich zu ziehen, denn er wollte so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden.
Da ertönte hinter ihm ein lautes Getöse. Er fuhr herum. In der Saaltür stand eine große, dunkle Gestalt mit schulterlangem Haar und glühenden grünen Augen. Waldemar erstarrte. Er wusste sofort, dass dies der Elfenkönig war. Insgeheim hatte er ihn erwartet. Wie hatte er sich auch einbilden können, ungehindert wieder aus dem Schloss zu entkommen?
Der König trug einen schwarzen Brustpanzer und hatte ein langes Schwert in der Hand. Langsam betrat er den Saal.
„Menschlein“, rief er mit donnernder Stimme, „du wagst es, meine Gemahlin zu entführen?“ Dabei machte er eine lässige Bewegung mit seiner linken Hand. Jojo, der noch in der Nähe der Saaltür stand, taumelte mit schreckensbleichem Gesicht rückwärts, als wäre er von einer unsichtbaren Macht getroffen worden. Mit Grauen sah Waldemar, dass sich ein leerstehender Sarg an der Wand öffnete. Jojo taumelte darauf zu. Noch einmal blickte er verzweifelt in Waldemars Richtung, dann drehte er sich um sich selbst und fiel mit dem Gesicht voran in den Sarg hinein. Sofort schloss sich der Deckel wieder.
Der Elfenkönig lachte und kam mit gezogenem Schwert auf Waldemar zu. Dieser riss sein rostiges Schwert hinter dem Gürtelstrick hervor. Kurz darauf begannen sie zu kämpfen. Aber einen Kampf konnte man es eigentlich nicht nennen. Waldemar war seinem Gegner hoffnungslos unterlegen. Der König wusste das und spielte ein Weilchen Katz und Maus mit ihm. Dabei ließ er immer wieder sein schreckliches Lachen ertönen.
„Du elendes Geschöpf“, brüllte er, „wer hat dich geheißen, einfach in mein Land einzudringen? Niemals wird es dir gelingen, deine Schwester zu befreien, denn dafür müsstest du zwei wichtige Dinge wissen, und die werde ich dir ganz bestimmt nicht verraten! Darum bleibt sie für immer in meiner Gewalt!“
Waldemar strauchelte. Stolpernd und stöhnend suchte er nach einem Halt und stützte sich mit der Hand auf den Tisch mit den Speisen, die ihm nun wie der abscheulichste Unrat vorkamen. Durch den Kampfeslärm drang ein leises Schluchzen an sein Ohr. War das Sarah, die um ihn weinte? Er schaute sich nach ihr um, aber da war niemand mehr. Auch der marmorne Thron war verschwunden. Stattdessen blickte er auf eine trostlose Ebene. Es war genau jene, die er schon in seinem Traum im Keller der Ruine gesehen hatte.
„Nein!“, schrie er verzweifelt, doch es half nichts. Der Raum um ihn herum begann sich aufzulösen. Er bekam einen Tritt in den Allerwertesten und fiel in feuchtes Gras. Hinter ihm verschwand das schwarze Schloss mit einem Donnern.


Der Baum der Erkenntnis

Waldemar war am Boden zerstört. Er hatte alle verloren, die ihm etwas bedeuteten, Jodie, Jojo und Sarah. Schwere Schuldgefühle quälten ihn. Jojo hatte sich seiner Führung anvertraut und war verwünscht worden. Sarah war weiterhin die Gefangene des Elfenkönigs und für ihn auf ewig unerreichbar. Er hatte ja auch überhaupt keine Chance gehabt, sie zu befreien, da er das Geheimnis des Königs nicht kannte. Aber wer hätte es ihm denn verraten können?
Ach, wie dumm war es von ihm gewesen, einfach aufs Geratewohl ins schwarze Schloss hineinzuspazieren! Nun war alles zu spät.
Während er sich aufrappelte und ihm ein kalter Wind ins Gesicht schlug, dachte er nur noch an eines: Schluss machen. Nichts ergab mehr einen Sinn für ihn. Am liebsten hätte er sich gleich in sein Schwert gestürzt – der Gedanke ging ihm mehrmals durch den Kopf – aber es trieb ihn irgendetwas voran, so als hätte er die richtige Todesart und –stätte noch nicht gefunden.
Er sah wie in seinem Traum Büschel von Schafwolle über die Ebene wehen, während er sich mit mühsamen Schritten voranschleppte. Weiter und immer weiter. Allmählich veränderte sich die Landschaft. Hier und da wuchsen einzelne verkrüppelte Bäume, schließlich wurde daraus ein dünn bestandener Wald. Die Bäume waren alle kahl und nicht sehr hoch. Manchmal saß eine fette Krähe auf einem der Äste und krächzte heiser.
Waldemar stolperte voran. Er merkte kaum, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen. Noch einmal dachte er zurück an alles, was er erlebt hatte, an die Zeit mit Jojo und Jodie, an die Elfe im grünen Hügel, an sein kurzes Wiedersehen mit Sarah. Seine seelische Kraft schwand immer mehr dahin, und er war nicht in der Lage, den Niedergang aufzuhalten.
Vor ihm auf einer Lichtung sah er eine dicke Eiche stehen, die bestimmt schon mehrere hundert Jahre alt war. Dunkel erinnerte er sich daran, dass er im Traum schon einmal vor so einer Eiche gestanden hatte. Da hatte er geglaubt, im Unterholz eine Jägergestalt herumspuken zu sehen. Doch diese Gestalt war ihm jetzt völlig gleichgültig.
Er spürte, dass er am Ende seiner Reise angelangt war. Langsam löste er den Gürtelstrick aus seiner Hose. Das Schwert rutschte heraus und gab einen dumpfen Laut von sich, als es zu Boden fiel. Er achtete nicht weiter darauf. Mit dem Strick in der Hand kletterte er auf den Baum. Ast um Ast stieg er empor, bis er einen großen, stabilen erreicht hatte. Darum knotete er den Strick, machte am anderen Ende eine Schlinge und legte sie sich um den Hals. Er zögerte nicht mehr lange. Noch einmal ließ er seinen Blick schweifen, dann sprang er ins Leere und hoffte darauf, dass er die ewige Ruhe finden und von seinen Qualen erlöst werden würde.
Die Schlinge zog sich schmerzhaft um seinen Hals zusammen. Er baumelte heftig hin und her, wobei in seine Augen blutige Tränen schossen. Sein Mund öffnete sich, die Zunge quoll heraus. Waldemar blieb bei vollem Bewusstsein, und Entsetzen machte sich in ihm breit. Wo waren Ruhe und Frieden, die er so herbeigesehnt hatte? Sie wollten sich nicht einstellen.
Während er hilflos am Ast hing, bemerkte er, dass seine Hose anfing zu rutschen, denn es war kein Gürtel mehr da, der sie festhielt. Er wollte sie aufhalten, doch er konnte sich nicht rühren. Sein Körper war tot, nur sein Geist wollte nicht entweichen. Die Hose glitt langsam an seinen Beinen hinab und fiel zu Boden. Seine Blase entleerte sich darüber, denn auch über sie hatte er keine Gewalt mehr.
Durch den blutigen Nebel seiner Augen starrte er in die düstere Landschaft. Die bitterste und abgründigste Verzweiflung brach über ihn herein. Schlimmste Gedanken fielen ihn an wie wilde Tiere, und in seinem Innern kochte ein schwarzes, teeriges Etwas.
Er verfluchte die verderbten Menschen auf der Erde, deren naturschädigendes Verhalten er damals nicht hatte ertragen können, und auch die Elfen, die sich nicht als die waldliebenden Idealgestalten herausgestellt hatten, sondern als unterirdische Unholde, die mit ihm ihr Spiel getrieben hatten, um ihn ins Verderben zu bringen. In Gedanken rief er nach Jojo, doch dieser lag verwunschen im Sarg, vielleicht für immer, und konnte ihm nicht mehr helfen.
Der Wind umheulte ihn und schwenkte seinen Körper hin und her. Mit ihm kamen Krähen, die sich auf dem Ast über ihm und auf seinen Schultern niederließen. Eine von ihnen fing an, an seinem rechten Ohr zu picken und einen großen Lappen abzureißen. Eine andere hackte mit spitzem Schnabel in sein linkes Auge, das sich bald darauf heiß über seine Wange ergoss. Ein feistes zufriedenes Krächzen ertönte. Von oben klatschte ein ätzender Kotklecks auf seinen Kopf und schickte sich an, über die Stirn in sein rechtes, noch heiles Auge zu laufen, rann aber dann doch am rechten Nasenflügel hinab in seinen offenen Mund. Die Krähen blieben in seiner Nähe, kämpften um die besten Plätze links und rechts von seinem Kopf und begannen auch, Stücke aus seiner Wange zu fressen. Er konnte sich nicht wehren. Die körperlichen und seelischen Schmerzen, die er ertragen musste, waren unbeschreiblich, und eine Erlösung aus seiner Pein war nicht in Sicht.
Waldemar hing und hing. Nachdem ein furchtbares Gewitter von Hass-, Verzweiflungs- und Angstausbrüchen seine Seele durchzogen hatte, kam er irgendwann zu der Einsicht, dass sein Selbstmord vielleicht doch nicht so gut gewesen war. Hatte ihm Jojo das nicht schon gesagt im finsteren Tal der Schatten? Als er gekommen war und ihn aus dem furchtbaren Zustand erlöst hatte, in dem er sich damals, genau wie jetzt auch, befunden hatte? Mit Jojos Hilfe hatte er sich entschlossen gehabt, einen neuen Anfang zu machen und sich wieder hochzuarbeiten, aber als das Unglück im schwarzen Schloss über ihn hereingebrochen war, hatte er alles hingeworfen. Wie in seinem Leben auf der Erde. Und jetzt gab es keinen Jojo mehr, der ihm aus der Patsche helfen konnte. Jetzt gab es niemanden mehr. Wer würde sich auch für so einen nutzlosen Versager interessieren? Nein, er würde hier hängen bleiben, bis sein Körper von den Krähen gefressen und sein Geist im Elend verrottet war.
Die Zeit verstrich. Die Finsternis, die über der Landschaft lag, wurde von trübem Tageslicht abgelöst, das wiederum irgendwann der Finsternis weichen musste. Die Krähen balgten sich weiter um seinen Leib, wenn sie nicht gerade schliefen. Seine Wangenknochen und der linke Unterkiefer waren bereits freigelegt. Auch in seiner Stirn war ein beträchtliches Loch. Waldemars Bewusstsein, das durch den Schmerz zu ermatten und zu schwinden drohte, wurde immer wieder von einer bösen, unsichtbaren Macht wachgerüttelt und gezwungen, durch sein eines Auge hinauszustarren und seinen Verfall wahrzunehmen.
Ihn begannen Schreckensbilder von seinem vergangenen Selbstmord auf der Erde zu quälen, Bilder, von denen er bis jetzt nicht gewusst hatte, dass er sie in sich trug. Er sah sich selber zu, wie er die schmale Treppe zum Dachboden des kleinen Waldhauses emporstieg. Er sah, wie er einen Zettel an die Tür klebte, auf dem stand: „Bitte keine Wiederbelebungsversuche!“ Er sah, wie er sich danach einen Strick um den Hals legte und auf einen Hocker stieg...
Dann blickte er in die Gesichter seiner Familie, Verwandten, Freunde und Bekannten bei seiner Beerdigung, graue Schemen, in denen Entsetzen und abgrundtiefe Trauer zu lesen waren.
Verzweifelt versuchte er, diese Bilder aus seinen Gedanken zu verbannen. „Ich hab es doch nicht gewollt!“, wimmerte er innerlich. „Ich hab es doch nicht gewollt!“
„So, du hast es nicht gewollt?“, ließ sich da eine dunkle Stimme in seinem Kopf vernehmen. „Warum hast du es dann getan? Und warum hängst du jetzt wieder hier?“
Darauf wusste Waldemar nichts zu erwidern. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als stumm um Erbarmen zu flehen.
Eines Tages – es war gerade ein wenig heller, darum konnte man die Zeit wohl Tag nennen – zeigten sich zwei Kolkraben am Himmel. Die Krähen flogen kreischend vom Baum auf und flüchteten. Bedächtig ließen die Raben sich auf Waldemars Schultern nieder, einer zur Rechten, der andere zur Linken. Waldemar befürchtete, dass sie ihm mit ihren Riesenschnäbeln noch schlimmere Schmerzen zufügen würden als die Krähen. Doch die Raben schienen nicht an seinem angefressenen Körper interessiert zu sein. Sie begannen zu krächzen, und er meinte verwundert, dass er einzelne Worte verstehen konnte. Hörte er da nicht etwas von „Hoffnung“ und „Gott“? Oder sollte er sich getäuscht haben?
Nach einer Weile flogen die Raben wieder auf, und offenbar hatten die Krähen so viel Respekt vor ihnen, dass sie nicht zurückkehrten.
Die kommende Nacht wurde kalt und stürmisch. Waldemars Körper wurde wie noch nie zuvor am Ast hin und hergeschleudert. Regen- und Hagelschauer peitschten ihm ins Gesicht, der Wind pfiff und heulte durch seine von zwei Seiten offene Mundhöhle, was sich entsetzlich anhörte und in seinem ganzen Kopf vibrierte. Am nächsten Morgen war sein Körper mit einer dünnen Eisschicht bedeckt.
Ein einsamer Wanderer kam des Weges, ein alter Mann mit einem verschlissenen dunkelblauen Umhang. Mitleidig blickte er zu dem Erhängten hoch. Waldemar konnte ihn nur aus dem Augenwinkel erkennen. Ach, wie sollte er wissen, dass in ihm noch Leben und Bewusstsein steckte, dass er sich nach Erlösung sehnte? Nicht einen Finger konnte er rühren, um sich bemerkbar zu machen. Nach einer Weile ging der Mann seines Weges. Als er weit genug entfernt war, so dass Waldemar ihn ganz erkennen konnte, wollte es ihm vorkommen, als wäre es jener Alte gewesen, von dem er im Keller der Ruine im grünen Land geträumt hatte. Jener, der ihm gegenüber in der Höhle am Feuer gesessen hatte. Konnte das sein? Der Alte war ihm damals so weise vorgekommen. Hätte er nicht erkennen müssen, was mit ihm los war? Warum ließ er ihn einfach zurück?
Wieder wurde es Nacht. Wölfe mit glühenden Augen versammelten sich um den Baum und heulten. Einige sprangen hoch, um an den Kadaver zu kommen, doch Waldemar hing zu hoch, als dass sie ihn hätten erreichen können. So zerrissen sie seine am Boden liegende Hose.
Allmählich war ihm alles gleichgültig geworden, was um ihn herum geschah. Nur ein tiefes Reuegefühl über seine selbstzerstörerischen Gedanken und Taten durchströmte seine Seele, und er fasste einen festen Entschluss: Wenn es irgendwo einen Gott, einen Herrn der Welten geben sollte, wie ihm Jojo gesagt hatte, wie es ihm auch die Raben zugeflüstert hatten - und dieser ihn noch einmal retten würde, dann wollte er nie wieder die Dummheit begehen, einen Selbstmordversuch zu machen. Dann wollte er um jeden Preis durchhalten auf seinem weiteren Weg, egal, was sich ihm auch entgegenstellen würde. Denn solche Qualen wie diese hier wollte er nie wieder erleben.
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Ingo Laabs (Autor) – BeitragVerfasst am: 30.12.2009, 23:28 –
Der Jäger

Es wurde Tag, es wurde Nacht. Wie oft Dunkelheit und trübes Zwielicht sich noch abwechselten, zählte Waldemar nicht mehr. Auf einmal hörte er Hufgetrappel, und ein leises Wiehern drang an sein Ohr. Möglicherweise war sein Hörvermögen aber auch so beschädigt, dass er die wirkliche Lautstärke nicht mehr richtig wahrnehmen konnte.
Dann blitzte es über ihm hell auf, und ein Gefühl ungewohnter Leichtigkeit überkam ihn. Unter ihm auf dem Boden ertönte ein Plumpsen, ein grässlicher Laut, wie es ihm schien. Unwillkürlich blickte er in die Richtung des Aufpralls und wunderte sich erst später darüber, dass er das wieder konnte.
Da sah er seinen angefressenen und verwesten Körper auf der Erde liegen. Irgendetwas hatte den Strick durchtrennt, mit dem er sich erhängt hatte. Er bemerkte eine dunkle Gestalt, die sich über die Leiche beugte. Soweit er erkennen konnte, trug sie ein Hirschgeweih auf dem Kopf. Plötzlich durchfuhr es ihn: Das war der geheimnisvolle Jäger, dessen Bild ihn verfolgt hatte. Sein Schicksalsgefährte. Nun begegneten sie sich also endlich!
Der Jäger legte seine Armbrust, mit der er offenbar den Strick durchschossen hatte, auf den Boden und machte sich dann am Hals der Leiche zu schaffen. Vorsichtig löste er den kleinen Lederbeutel, der darum hing. Waldemar beobachtete ihn dabei gespannt. Unwillkürlich wollte er sich selbst an den Hals greifen, aber da war nichts mehr. Auch seine Hand, die er glaubte noch spüren zu können, war fort. Er war ein körperloser Geist.
Der Jäger legte den Beutel vorsichtig beiseite. Dann zog er ein langes Messer hervor. Zunächst schnitt er der Leiche die restliche Kleidung vom Leib. Danach zerstückelte er den Körper. Das war ein hartes Stück Arbeit, denn dieser war starr und gefroren. Entsetzt schaute Waldemar von seinem Platz unter dem Ast aus zu.
Nachdem der Jäger sein grausiges Werk vollbracht hatte, entfachte er ein Feuer. Geduldig nährte er es mit trockenem Holz, das überall reichlich zu finden war. Als das Feuer gut brannte, ging er fort. Waldemar wunderte sich. Was mochte er vorhaben? Sein Pferd hatte er zurückgelassen, es stand nicht weit von der Feuerstelle entfernt. Angst stieg in ihm auf, Angst vor weiterer, furchtbarer Einsamkeit. Nun hatte er nicht einmal mehr einen toten Körper, an den er sich klammern konnte.
Doch nach einer Weile kam der Jäger wieder. Er rollte einen großen Kessel vor sich her, der ziemlich alt zu sein schien und mit allerlei sonderbaren Figuren verziert war. Auch eine Gestalt mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf war darauf zu sehen. War sie ein Abbild von ihm oder gab es noch mehr solch geheimnisvoller Jägergestalten? Wo mochte er den Kessel wohl herhaben?
Er setzte ihn aufs Feuer und schüttete aus einem Schlauch, den er von seinem Pferd abschnallte, Wasser hinein. Als dieses nach einer Weile anfing zu kochen, nahm er die Leichenteile und warf sie ebenfalls in den Kessel.
Dann setzte er sich hin und wartete. Dabei rauchte er aus einer Pfeife. Der Rauch verbreitete einen geheimnisvollen, angenehmen Geruch, den auch Waldemar wahrnehmen konnte. Hin und wieder nahm der Jäger einen langen Stock zur Hand, den er neben sich liegen hatte, und rührte den Inhalt des Kessels um. Das Geräusch, mit dem die Leichenteile zusammenstießen, machte Waldemar schaudern.
Mehrere Stunden saß der geheimnisvolle Mann am Feuer, rauchte und schnitzte bisweilen mit seinem Messer an einem kleinen Stück Holz, aus dem allmählich eine Flöte entstand.
Während der ganzen Zeit blubberte und kochte es im Kessel, die Stücke von Waldemars totem Körper wurden von den Wasserstrudeln hin- und hergestoßen und durcheinandergewirbelt. Dicker, weißer Dampf stieg auf und zog über die toten Baumkronen hinweg.
Schließlich hatte der Jäger sein Schnitzwerk beendet und erhob sich. Er rückte den Kessel von der Glut und entnahm ihm die bleichen Knochen, von denen sich alles Fleisch gelöst hatte. Sorgfältig ordnete er sie auf dem Waldboden an, so dass zuletzt das vollständige Gerippe dalag. Was danach geschah, bekam Waldemar nicht mehr genau mit. Er hörte noch, wie der Jäger anfing, auf der geschnitzten Flöte zu spielen. Dann wurde sein Bewusstsein von einem Nebel umfangen. Die seltsamen, fremdartigen Töne drangen jedoch weiter an sein Ohr und lullten ihn ein, so dass er zuletzt in einen tiefen Schlaf sank.

Als er wach wurde, lag er auf einem Fell neben dem Feuer. Der Jäger saß an seinem Kopfende und rauchte seine Pfeife. Verwundert stellte Waldemar fest, dass er wieder von einem Körper umgeben war, einem neuen menschlichen Körper. Zu Anfang fühlte es sich ein wenig ungewohnt an, doch das legte sich bald. Eine große Freude darüber durchströmte ihn. Nach der langen Zeit, die er hilflos am Baum hängend zugebracht hatte, wusste er das Geschenk nun richtig zu schätzen. Langsam richtete er sich auf und betrachtete sich ausgiebig. Dabei fiel ihm auf, dass er eine Jacke und eine Hose aus Fell trug, ähnlich wie der Jäger.
Er wollte etwas sagen, aber ihm fielen absolut keine Worte ein. Auch schien seine Stimme noch nicht richtig zu funktionieren. Mehrmals machte er den Mund auf und zu, doch es kam nur Luft. Der Jäger reichte ihm schweigend seine Pfeife. Waldemar sog daran und hatte dabei das Gefühl, als würde er anfangen, innerlich zu vibrieren. Ein tiefer, voller Ton entstand in ihm. Unwillkürlich begann er, vor sich hinzusummen. Nun hatte er also seine Stimme wiedergefunden, aber noch immer fand er nicht den richtigen Anfang für ein Gespräch.
Schließlich ergriff der Mann mit dem Geweih auf dem Kopf das Wort.
„Mein Name ist Herne“, sagte er. „Wir kennen uns von früher.“
Ja, Waldemar kam der Name bekannt vor, aber eine wirkliche Erinnerung wollte sich nicht einstellen.
„Ich werde mich dir wohl wieder ein wenig ins Gedächtnis rufen müssen“, fuhr Herne fort. „Wie du sicherlich schon gesehen hast, bin ich ein Jäger. Vor vielen Jahren habe ich einmal auf der Erde gelebt am Hofe eines Königs in England. Ich stand bei ihm in hohem Ansehen wegen meiner Waidmannskunst. Das erregte den Neid der anderen Jäger.
Eines Tages ritten wir auf die Jagd. Der König und ich verfolgten einen Hirsch und entfernten uns dabei immer mehr von der übrigen Jagdgesellschaft. Als wir ihn schließlich eingeholt und in die Enge getrieben hatten, kehrte er sich uns zu und griff den König an. Ich warf mich dazwischen, empfing den Geweihstoß und wurde dadurch schwer verwundet. Es gelang mir noch, das Tier zu erlegen, aber dann sank ich, dem Tode nah, auf den Waldboden.
‚Herne, du darfst nicht sterben!’, rief der König verzweifelt, aber ich spürte, dass es mit mir zu Ende ging.
Nachdem die anderen herangekommen waren, verkündete der König, dass er denjenigen, der mich heilen könnte, reichlich belohnen würde, aber niemand fand sich dazu in der Lage. Die meisten Jäger waren insgeheim froh über mein Schicksal, da sie, so wie es aussah, einen lästigen Konkurrenten loswurden.
Doch plötzlich tauchte ein geheimnisvoller Mann auf. Er hatte das Aussehen eines Wilddiebes und wurde auch von einem aus der Gesellschaft als solcher erkannt. Er bot an, mich zu heilen. Da sicherte der König ihm Straffreiheit zu. Der Mann schnitt dem Hirsch das Geweih ab und setzte es mir auf den Kopf. Danach wurde ich auf einer Bahre aus Zweigen in seine Hütte getragen, wo er mich gesund pflegte.
Als ich wieder genesen und an den Hof zurückgekehrt war, belohnte mich der König wegen meiner Rettungstat mit einer schweren goldenen Kette und setzte mich als Oberförster ein. Doch bald bemerkte ich zu meinem großen Leidwesen, dass ich all meine Kunst, das edle Waidwerk auszuüben, eingebüßt hatte. Ich fand heraus, dass dies das Werk des zauberkundigen Wilddiebes war, den meine neidischen Kollegen dazu angestiftet hatten. Die Folge davon war, dass der König mich entließ. Verzweifelt schwang mich auf mein Pferd, stob davon und erhängte mich in einem Anfall geistiger Umnachtung an einer dicken Eiche, welche kurz darauf von einem Blitz gespalten wurde.
So kam ich in die jenseitige Welt. Hier musste ich schwere Leiden durchstehen, ähnlich wie du. Ich irrte lange Zeit durch abgestorbene Wälder, deren Boden von bleichen Tiergerippen übersät war. Namenlose Ungeheuer verfolgten mich, ich schoss nach ihnen mit meiner Armbrust, aber niemals konnte ich eines von ihnen treffen.
Immer tiefer versank ich in Verzweiflung, doch dann erlebte ich eines Tages etwas Wunderbares: Eine Gestalt kam auf mich zu, ganz in rotgoldenes Licht getaucht. Ich glaube, dass es ein Engel gewesen sein muss. Er sagte zu mir: ‚Herne, es ist Zeit, deine Sünden zu bereuen und denen, die dir Schaden zugefügt haben, zu vergeben. Wende dich Gott, dem Herrn der Welten, zu, denn nur so kannst du der Finsternis entweichen. Siehe, er verleiht dir aufs Neue die Waidmannskunst. Doch sollst du nun keine Tiere mehr jagen, sondern verlorene und verirrte Seelen aufspüren und wieder auf den richtigen Weg bringen.’
Ich tat, was der Engel mir sagte. So fand ich langsam wieder zu mir selbst und folge seit einigen hundert Jahren meiner neuen Bestimmung. In dieser Zeit habe ich viele Tiere zu Freunden gewonnen, ganz besonders zwei Raben. Es sind sehr kluge Vögel, die die menschliche Sprache verstehen und auch sprechen können. Du hast sie bereits kennengelernt, denn ich hatte sie dir vorausgesandt.“
Waldemar hatte genau zugehört.
„Du hast gesagt, wir würden uns von früher kennen?“, fragte er.
„Ja, das ist richtig. Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten, und hin und wieder lasse ich mich auch auf der Erde sehen, meistens in der Nähe meiner einstigen Todesstätte, die bis heute den Namen ‚Herne´s Oak’ – Hernes Eiche – trägt, obwohl der Baum mittlerweile gefällt wurde. Es existieren auch noch einige Sagen und Legenden von mir. Von ihnen hast du in deinem letzten Leben gehört, fühltest dich angesprochen und hast dich auf die Suche nach mir gemacht. Ich habe das gespürt und dir etwas zukommen lassen. Vielleicht erinnerst du dich.“
Er reichte ihm den Lederbeutel, den er vom Hals seines alten Körpers gelöst hatte.
„Öffne ihn“, sagte er.
Waldemar gehorchte. Zum Vorschein kam ein zerbrochenes, silbrig glänzendes Amulett, das einem Kreuz ähnelte. Vorsichtig befühlte er es.
„Dieses Amulett“, sagte Herne, „hast du auf der Erde getragen und ‚Hernesymbol’ genannt, denn es symbolisierte deine Verbundenheit mit der Natur und den ihr innewohnenden Wesen, sowohl geistiger als auch materieller Art. Ich hätte mir gewünscht, dass du damals deine Aufgabe darin gesehen hättest, dich für den Schutz von Pflanzen und Tieren einzusetzen. Doch als du anfingst, dein Leben immer mehr zu verneinen, zerbrach das Symbol eines Tages und konnte nicht wieder heilgemacht werden. Es wurde dir zu deiner Beerdigung mit ins Grab gegeben, und so hast du es in dem Lederbeutel in die jenseitige Welt mitgenommen.“
Waldemar betrachtete es eine Weile stumm. Eine Träne rann ihm über die Wange.
„Ja“, fuhr Herne fort, „das Leben ist ein großes Geschenk, und wir sollten lieben und bejahen, auch wenn es manchmal sehr schlimm sein kann. Das habe ich lernen müssen, und diese Erfahrung möchte ich gerne weitergeben. Diejenigen, die Selbstmord begehen, wissen häufig nicht, dass das Leiden, das ihnen auf der Erde zuteil wird, sie auf eine höhere Stufe der Erkenntnis bringen soll. Sie werfen ihr Leben weg, weil es ihnen sinnlos erscheint, anstatt sich ihrem Schöpfer zuzuwenden und seine Gebote zu befolgen, von denen das höchste die Liebe ist, zu seinen Nächsten und zu sich selbst. So müssen sie – wie wir beide – längere und stärkere Schmerzen ertragen, bis sie zur Einsicht gelangen und ihre Seele im Glauben fest und stark geworden ist. Ich denke, du weißt jetzt, was so ein Körper wert ist, nachdem du wieder einen bekommen hast. Von nun an musst du sorgsam mit ihm umgehen.“
Waldemar versprach das und dankte Herne für seinen neuen Körper, den dieser ihm auf geheimnisvolle Weise um seine alten Knochen gelegt hatte. Der Jäger winkte ab.
„Ich führe nur aus, was der Herr der Welten mir aufträgt“, sagte er. „Aller Dank gebührt Ihm. Das solltest du nicht vergessen.“
Waldemar nickte stumm. Eine Weile saßen die beiden schweigend am Feuer.
Plötzlich ertönte ein lautes Gekrächze, und da flatterten die beiden großen Kolkraben durch die Luft und ließen sich auf Hernes Schultern nieder. Er begrüßte sie in einer eigenen Sprache und strich ihnen übers Gefieder.
„Sie heißen Umtschegin und Bujun“, erzählte er Waldemar, „und stammen aus einem fernen Land mit weiten Steppen und riesigen Wäldern. Bald wird die Zeit gekommen sein, dass sie als Menschen wiedergeboren werden und an einer wichtigen Aufgabe mitwirken. Aber darüber darf ich nichts sagen.“
Er holte eine Flasche Met und ein Trinkhorn aus seinem Jagdbeutel hervor und reichte ihm beides. Waldemar füllte den Met in das Horn und nahm einen kräftigen Zug, wobei ihn eine große innere Ruhe durchströmte.
Nach einer Weile kamen die beiden Raben auch zu ihm herüber, und er wagte es, ihnen wie Herne über die schwarzen Federn zu streichen.
Als Waldemar das Horn ausgetrunken hatte, kippte er langsam auf die Seite. Die Augen fielen ihm zu.
„Morgen“, hörte er den Jäger noch sagen, „werde ich dein Amulett neu gießen, und dann musst du weiterziehen.“

Als Waldemar erwachte, wirkte die Umgebung heller als während seiner Zeit am Baum. Das Wäldchen wollte ihm direkt freundlich vorkommen, und er konnte sich gar nicht mehr vorstellen, dass er sich hier in tiefer Verzweiflung erhängt hatte. Schaudernd warf er einen Blick auf die mächtige Eiche.
Herne war dabei, die Asche des ausgegangenen Feuers zusammenzuscharren.
„Guten Morgen!“, rief er. „Komm, steh auf und hilf mir!“
Gemeinsam kippten sie den Kessel, in dem noch ein Rest schmutziges Wasser war, auf die Seite und rollten ihn den Weg entlang. Nach einer Weile kamen sie zu einer kleinen Lichtung. In ihrer Mitte befand sich ein großes, offenes Hünengrab, vor dessen Eingang ein umgekippter Findling lag. Sie rollten den Kessel zum Grab und stellten ihn hinein.
„Ich werde ihn sicher irgendwann wieder brauchen“, meinte Herne.
„Wird er hier nicht gestohlen?“, fragte Waldemar. „Ich könnte mir vorstellen, dass er ziemlich wertvoll ist.“
„Das ist er“, sagte Herne, „aber das Grab ist durch einen mächtigen Zauber gesichert. Nur ich und diejenigen, die in meiner Begleitung sind, können sich Zutritt verschaffen.“
Waldemar blickte mit leichtem Schaudern auf die mächtigen Steine. Herne richtete den Findling vor dem Eingang scheinbar ohne große Mühe wieder auf und verschloss das Grab.
„So“, sagte er. „Nun zu deinem Amulett. Das werde ich jetzt einschmelzen. Und hier habe ich auch noch die alte Gussform. Wenn es abgekühlt ist, kannst du es wieder tragen.“
Da er bei der Neufertigung des Amuletts offenbar nicht gestört werden wollte, streifte Waldemar ein bisschen in der Gegend herum. Viel gab es für ihn jedoch nicht zu sehen. Der Anblick der kahlen Bäume bedrückte ihn mit einem Mal wieder, obwohl ihm das Wäldchen am Morgen doch noch so freundlich erschienen war. Das hatte aber möglicherweise auch an Hernes Gesellschaft gelegen, ohne den er sich in diesem Wald ziemlich verloren fühlte.
Waldemar setzte sich auf den moosigen Boden und seufzte. Er musste an Jojo und Sarah denken. Wie es ihnen wohl jetzt ging? Gab es noch eine Möglichkeit, sie zu befreien? Vielleicht wusste Herne etwas.
Nach einer Weile machte er sich langsam wieder auf den Rückweg zur Feuerstelle.
Der Jäger saß an einem neu entfachten Feuer und rauchte seine Pfeife.
„Der Guss ist gelungen“, rief er Waldemar fröhlich entgegen. „Ein paar Stunden müssen wir noch warten, bis das Amulett abgekühlt ist, dann kannst du dich auf den Weg machen.“
Waldemar gab es einen Stich ins Herz. Er wollte nicht wieder allein sein. Langsam ließ er sich neben Herne am Feuer nieder. Auf einmal fühlte er sich erschöpft und krank. Am liebsten hätte er noch ein paar Tage am Feuer gelegen, Met getrunken und Hernes Geschichten zugehört, aber das ließ sich wohl nicht machen.
„Wo muss ich denn hingehen?“, fragte er schließlich.
„Zum Tempel des Herrn der Welten“, antwortete Herne.
Er nahm einen Zug aus seiner Pfeife und blies eine Rauchwolke in die Luft. Waldemar saß schweigend da und wartete.
„Der Tempel“, fuhr Herne fort, „ist eine Vorbereitungsstätte. Dort musst du dich durch Gebet innerlich reinigen, denn deine Bestimmung ist es, in eine neue Geburt auf der Erde einzutreten und deinen abgebrochenen Weg weiter zu beschreiten. Und das ist doch auch deine Absicht, oder?“
Waldemar erinnerte sich, dass Jojo ihn damals auf den Wurzeln des Weltenbaums etwas Ähnliches gefragt hatte. Offenbar war eine Neugeburt auf der Erde wohl notwendig für ihn. Aber er zögerte noch und wusste nicht recht, ob er das wirklich wollte.
„Kann ich nicht bei dir bleiben und dir bei deiner Aufgabe helfen?“, fragte er.
„Nein“, sagte Herne, „das muss ich alleine machen. Für dich ist eine andere Aufgabe vorgesehen, und die kannst du nur ausführen, wenn du eine Existenz auf der Erde durchstehst, ohne dich umzubringen. Das ist die Prüfung, die dir der Herr der Welten auferlegt. Denn er möchte, dass du dich ihm wieder zuwendest und Vertrauen zu ihm hast, auch wenn eine Existenz auf der Erde aufgrund der vielen Unzulänglichkeiten, die dort herrschen, für dich sehr schmerzhaft ist. Es ist noch ein langer Weg, der vor dir liegt, aber ich bin zuversichtlich, dass du es schaffst und letztendlich glücklich wirst. Dann werden wir uns eines Tages wiedersehen.“
„Werde ich meinen Freund Jojo und meine Schwester Sarah auch wiedersehen?“
„Das ist möglich, aber ich kann dir darüber nichts Genaues sagen. Vielleicht wirst du auf deinem Weg zum Tempel jemanden treffen, der mehr weiß. Ruh dich jetzt aus und fasse Mut. Es hilft ja doch nichts, du musst weiterziehen, das ist unumgänglich. Ein Zurück oder ein Verharren auf dem Weg wird dich nicht wirklich glücklich machen.“
Waldemar legte sich auf das Fell und schloss die Augen. Herne stimmte einen tiefen Gesang an in einer Sprache, die Waldemar nicht verstand. Vermutlich war sie keltisch.

Im Traum hörte er eine getragene Musik von Flöten, Geigen, Gitarren und Tamburin. In der Ferne meinte er seine Schwester auf dem Turm des schwarzen Schlosses stehen zu sehen, die Arme sehnsüchtig nach ihm ausgebreitet. Er rief nach ihr, aber die Musik war so laut, dass sie seine Worte übertönte. Eine dunkle Frauenstimme setzte ein und sang von verlorener Liebe. Der Gesang schnürte ihm die Brust zu und ließ Tränen in seine Augen schießen. Immer wieder wühlten Geige und Gitarre seine Gefühle auf. Er sah einen Hirten, der ihm freundlich lächelnd entgegenkam, in seinen Händen trug er Brot und Käse. Da wurde Waldemar auf einmal von einem plötzlichen Wahnsinn ergriffen. Er zog sein Schwert und machte zwei Streiche durch die Luft, als wollte er ihm die Brust aufschlitzen. Der Hirte starrte ihn fassungslos an, dann wankte er keuchend weg. Entsetzt über seine Tat fuhr Waldemar aus dem Schlaf auf und wurde wach.


Der Weg zum Tempel

Das Feuer war heruntergebrannt und schwelte nur noch leicht. Waldemar lag allein an der Feuerstelle. Er blickte sich nach Herne um, aber keine Spur von ihm war zu sehen. Auch sein Pferd war verschwunden. Da wusste er, dass der Jäger fortgeritten war. Angst und Traurigkeit stiegen in ihm auf, und er begann unwillkürlich zu zittern. Was sollte nun aus ihm werden? Welchen Weg sollte er einschlagen?
Auf einmal bemerkte er, dass er etwas Glänzendes um den Hals trug. Ehrfürchtig ließ er es durch seine Finger gleiten – es war das neugegossene Hernesymbol, eine Art bauchiges Kreuz mit zwei Querbalken, die sich verjüngten. Ihre Spitzen waren kugelförmig abgerundet, auch nach unten hin lief das Amulett auf diese Weise zu, so dass man sich nicht daran verletzen konnte.
Waldemar streichelte das silbrig glänzende Metall, und neue Zuversicht durchströmte ihn. Er bemerkte, dass Herne für ihn auch einen Stoffbeutel mit Proviant zurückgelassen hatte. Darin befand sich Brot und Käse, eine Flasche Met und ein Trinkhorn. Waldemar nahm sich vor, sorgsam mit allem umzugehen.
Er stand auf und legte sich das Fell, auf dem er gelegen hatte, über die Schultern. Dann hob er sein Schwert auf, das noch unter der Eiche lag. Er trug um seine Fellhose einen breiten Ledergürtel, der an der Seite eine Schlaufe hatte. Da konnte er es bequem hineinstecken.
Danach folgte er dem Weg, den er schon mit Herne beschritten hatte. Zu seiner Linken sah er das Hünengrab einsam auf der Lichtung liegen. Er ging daran vorbei und in den kahlen Wald hinein.
Ungefähr eine Stunde wanderte er darin, dann lichteten sich die Bäume, und schließlich erstreckte sich vor seinen Augen eine weite gelbe Graslandschaft. Stellenweise war sie stark mit Heidekraut bewachsen, dessen lila Blüten unter dem grauen Himmel leuchteten.
Waldemar ließ den Wald hinter sich und schritt in die flache Landschaft hinein. Manchmal ergriff er mit der Hand das Hernesymbol, und dann hatte er das Gefühl, als würde ihm dadurch neue Kraft und neuer Mut zufließen.
Hin und wieder kam er an abgestorbenen Bäumen vorbei, die sich einzeln und weit voneinander entfernt aus der Heide erhoben. Einige waren von ihnen mit bunten geknüpften Bändern behängt. Er wunderte sich darüber. Waren es vielleicht heilige Bäume?
Wer mochte hier in der Landschaft wohnen, der sie verehrte?
Als er mehrere Stunden gewandert war und müde wurde, beschloss er, sich unter einen dieser geschmückten Bäume zu legen. Vielleicht haust dort ein guter Geist, der mich beschützt, dachte er.
Er breitete sein Fell aus und legte sich darauf. Es dauerte nicht lange, da war er eingeschlafen. Im Traum setzte er seine Wanderung fort. Er kam zu einer Brücke aus Knochen und schritt hinüber. Sie war sehr trügerisch und schwankte. Ab und zu fehlte einer der Knochen, und ein Spalt tat sich vor ihm auf. Unter ihm im Abgrund lagen Skelette. Waren es wohl die Überreste all derer, die fehlgetreten und abgestürzt waren? Waldemar schauderte bei dem Anblick, war jedoch auf der Hut und erreichte die andere Seite. Dort kam er ins Reich der Sonne. Furchtbar heiß brannte sie, und er glaubte, vor Durst verschmachten zu müssen.
„Ich rieche Menschenfleisch!“, sagte sie. „Was willst du von mir?“
„Bitte“, rief Waldemar ihr zu, „ich möchte meine Schwester Sarah und meinen Freund Jojo wiederhaben. Sag mir, was ich tun muss, um sie zu befreien!“
Die Sonne lachte. „Beide kannst du nicht bekommen. Aber ich mache dir ein Angebot. Opfere mir deinen Freund Jojo, dann vereine ich dich mit deiner Schwester!“
Waldemar war entsetzt. „Nein!“, schrie er. „Niemals!“
„Dann sieh zu, dass du fortkommst“, giftete die Sonne, „oder ich brate dich bei lebendigem Leibe!“
Waldemar fuhr aus dem Schlaf auf. Zitternd griff er nach seinem Proviantbeutel, um sich zu stärken. Was für ein unheimlicher Traum! Ob es mit dem Baum zusammenhing, dass er so seltsam geträumt hatte? In einer Höhle im Wurzelwerk bemerkte er mit einem Mal einen menschlichen Totenschädel, der ebenfalls mit bunten Bändern umwunden war. Ihn grauste vor seiner Entdeckung. Ein guter Geist, wie er gehofft hatte, wohnte dem Baum offenbar nicht inne.
„Ich will zusehen, dass ich weiterkomme“, sagte er zu sich selbst, und obwohl er noch ziemlich erschöpft und keineswegs ausgeschlafen war, raffte er sich auf, packte seine Sachen zusammen und machte sich wieder auf den Weg.
Einige Stunden wanderte er. Da tauchte unversehens wieder einer dieser geschmückten Bäume auf. Eigentlich wollte er daran vorübergehen, aber wider Willen zog es ihn doch zu ihm hin und legte sich unter ihm nieder. Da suchte ihn ein weiterer Traum heim. Diesmal kam er ins Reich des Mondes, dessen kaltes Silberlicht ihn frösteln ließ. Ihm stellte er die gleiche Frage wie der Sonne.
„Opfere mir deine Schwester, dann gebe ich dir deinen Freund Jojo wieder!“, gab der Mond zur Antwort. „Sie wird es bei mir gut haben und als mächtiger Schutzgeist dir zur Seite stehen, wann immer du ihre Hilfe brauchst.“
Wieder lehnte Waldemar ab.
Beim Erwachen entdeckte er einen weiteren Totenschädel im Wurzelwerk des Baumes. Unmutig und angewidert schüttelte er den Kopf, um die letzten Reste des Traumes zu vertreiben, füllte dann einen großen Schluck Met in sein Horn, trank und aß auch einen Happen dazu. Danach setzte er seine Wanderung fort.
Wieder legte er einige Stunden Wegs zurück, dann trieb es ihn zum dritten Mal unter einen der geschmückten Bäume. Der Traum, der ihn nun überkam, setzte ihm weitaus mehr zu als die ersten beiden. Er fand sich im Reich der Sterne wieder, und diese machten ihm folgendes Angebot: „Opfere uns dein Hernesymbol“, sagten sie, „dann bringen wir dich zu Jojo und deiner Schwester.“
Da wurde Waldemar schwach, denn er sehnte sich sehr nach ihnen. Er nahm das Amulett in die Hand und ließ es durch seine Finger gleiten. Drauf und dran war er, es sich vom Hals zu streifen und den Sternen zu übergeben. Doch dann zögerte er. In ihrer Stimme hatte ein falscher Klang gelegen. Er dachte an Herne, der ihm so viel Gutes getan hatte. Hatte er ihm nicht eine Aufgabe ans Herz gelegt, für die er das Symbol empfangen hatte und den langen Weg zum Tempel beschreiten musste? Er durfte den Jäger nicht enttäuschen! Und was nützte es, wenn er vielleicht wieder mit Jojo und Sarah zusammen war, aber ebenso gefangen wie sie und ihnen nicht helfen konnte?
„Nein“, sagte er zu den Sternen, „ich gebe euch das Symbol nicht!“
Da zischten sie wütend und wollten sich an ihn ranmachen, aber er hielt ihnen sein Amulett entgegen, und sie mussten zurückweichen.
Als er wach wurde, dachte er noch lange über den Traum nach. Mit der Rechten hielt er das silberne Kreuz umfasst und murmelte Hernes Namen vor sich hin.
„Lass mich nicht im Stich“, bat er ihn immer wieder.
Schließlich raffte er sich auf. Als er noch einmal zurückblickte, bemerkte er flüchtig, dass auch unter dem dritten Baum ein menschlicher Schädel gelegen hatte.
Unendlich weit schien das Gras- und Heideland sich vor ihm auszudehnen. Was sollte er machen, wenn der Proviant aus Hernes Beutel aufgebraucht war? Er blieb noch ein wenig stehen, um die sorgenvollen Gedanken mit einem kräftigen Schluck Met wegzuspülen. Danach wanderte er wieder Stunde um Stunde. Durch den intensiven Naturkontakt wurde sein Kopf freier, das Grübeln ließ nach. Er freute sich darüber, dass er noch ausreichend Kraft hatte, um vorwärts zu schreiten.
Allmählich wurde der Bewuchs der Landschaft spärlicher und häufiger durch sandige Flächen abgelöst. Im Sand konnte Waldemar menschliche Fußspuren erkennen. Er folgte ihnen, so gut er konnte, denn er hoffte, dass er da, wo Menschen waren, auch Essen bekommen würde.
Nach einiger Zeit gelangte er zu einem Felsen, der markant aus der flachen Landschaft emporragte. In ihm befand sich eine schmale Höhle, vor der die Spuren endeten. Vorsichtig trat Waldemar hinein. Nachdem er um eine Biegung geschritten war, öffnete sich vor ihm ein größerer Raum. Darin brannte ein Feuer, an dem ein Mann saß. Und diesen Mann kannte er! Es war derjenige, von dem er das erste Mal in der alten Burgruine im grünen Land geträumt hatte und der ihm wiederbegegnet war, als er hilflos an der Eiche hing.
Jetzt trafen sie sich also zum dritten Mal, und wie damals im Traum ergriff Waldemar eine seltsame Scheu. Dennoch wagte er es nun, ihn anzusprechen.
„Sei gegrüßt!“, sagte er.
Der alte Mann nickte ihm zu. „Sei ebenfalls gegrüßt und willkommen. Setz dich, ich habe schon lange auf dich gewartet!“
Als Waldemar sein Fell ausgebreitet und am Feuer Platz genommen hatte, reichte ihm der Alte eine große Hammelkeule. Waldemar verspeiste sie mit Genuss und trank dazu den Rest Met, den er noch hatte. Es dauerte nicht lange, da konnte er die Augen nicht mehr offen halten, sackte zur Seite und schlief ein.

Als er aufwachte, war das Feuer heruntergebrannt und glühte in einem durchdringenden Rot. Ansonsten war alles dunkel um ihn herum. Auch aus dem Zugang zur Höhle drang kein Lichtstrahl. Es musste also mitten in der Nacht sein, und er hatte nur einige Stunden geschlafen.
Ein seltsamer Duft lag in der Höhle. Der Alte saß neben ihm auf dem Fell und starrte in die Glut.
„Die Zeit ist gekommen“, sagte er, „da wir endlich miteinander reden können.“
Waldemar richtete sich auf. Sein Körper fühlte sich noch etwas steif an. Erst jetzt merkte er, wie erschöpft er von der langen Wanderung war, welche er immer nur kurz unterbrochen hatte, um unter den seltsamen Bäumen zu rasten und unheilvoll zu träumen.
„Es tut mir leid“, fuhr der Alte fort, „dass ich dir nicht schon früher ein Wort zukommen lassen durfte, aber du warst noch nicht bereit dafür. Erst musste deine Seele an ihren tiefsten Punkt sinken, um eine Neugeburt zu erfahren, stärker und weiser zu werden. Ich hätte dir gerne schon, als du im grünen Land unterwegs warst, geholfen, deine Schwester zu finden und zu befreien, aber wenn ich dir damals gesagt hätte, auf welche Weise das möglich ist, hättest du es nicht verstanden und auch nicht ausführen können. Jetzt habe ich die Hoffnung, dass die Sache anders aussieht.“
„Wer bist du?“, traute sich Waldemar zu fragen.
„Ich habe viele Namen“, gab der Alte zurück. „Mein bekanntester ist Merlin. Du hast ihn wahrscheinlich schon einmal gehört. Ich bin ein Zauberer und kenne mich im Reich des Elfenkönigs aus. Wenn du deine Schwester und deinen Freund befreien willst, musst du folgendermaßen vorgehen: Vor jedem, der dir in seinem Reich begegnet, musst du mit deinem Schwert ein Kreuz in die Luft schlagen. Das ist schwer, obwohl es sich einfach anhört. Aber das Kreuzschlagen bewirkt, dass alle, auf die du triffst, sich von dir abwenden, und das wird für dich sehr schmerzhaft sein.
Nun musst du wissen, dass das Elfenreich ein seltsames Reich ist, in dem eigene Gesetze gelten. Für Menschen ist es ein Land der Prüfungen. Die Wesen dort symbolisieren nämlich etwas. Bei dir sind es Wünsche nach Freundschaft, Geborgenheit und Liebe. Aber erst wenn du bereit bist, dich nicht daran zu klammern, sondern allem zu entsagen, wirst du sie wirklich finden können. Dann werden sie dir neu geschenkt. Das ist der Sinn dieser Handlungen. Dadurch kannst du den Elfenkönig besiegen. Außerdem darfst du im grünen Land nichts essen und trinken, denn sobald du dir etwas aus diesem Reich einverleibst, bekommt der König ebenfalls Macht über dich. Das hast du ja in der Vergangenheit gesehen.
Diese beiden Voraussetzungen musst du erfüllen, wenn du deine Schwester und deinen Freund befreien möchtest. Willst du das Wagnis eingehen?“
Waldemar nickte.
„Gut“, sagte der Zauberer, „dann lass mich dein altes Schwert neu schmieden.“
Waldemar zog es hervor und reichte es ihm. Der Alte nahm es entgegen, erhob sich und verschwand in einem schmalen, dunklen Gang, den Waldemar zuvor nicht wahrgenommen hatte.
„Ruhe dich weiter aus“, rief er ihm noch zu. „Du wirst deine Kräfte bald brauchen. Und versuche, zum Herrn der Welten zu beten, denn auf Ihn musst du vertrauen. Auf Ihn allein!“
Wieder ließ sich Waldemar aufs Fell sinken. „Der Herr der Welten“, murmelte er. Kurz darauf war er eingeschlafen. Er träumte von Herne. Sie saßen beide am Feuer, der Jäger erzählte ihm Geschichten. Die beiden Raben Umtschegin und Bujun saßen auf seinen Schultern und krächzten bisweilen bestätigend dazwischen. Doch Hernes Worte waren undeutlich und unverständlich, mischten sich mit dem dichten Rauch, der aus seiner Pfeife quoll und Waldemar einhüllte. Dann sang der Jäger wieder in seiner fremden, vermutlich keltischen Sprache, und das Traumbild verflüchtigte sich.
Waldemar schlug die Augen auf, und vor ihm lag ein wunderschönes, blinkendes Schwert, dessen Klinge mit Runen verziert war. Er erinnerte sich, dass der Alte in seinem Traum in der Burgruine ein solches Schwert auf den Knien liegen gehabt hatte. Vorsichtig nahm er es in die Hand und betrachtete es.
„Es ist deins“, sagte Merlin. „Erweise dich seiner als würdig.“
„Das werde ich“, sagte Waldemar, „hab vielen Dank!“
„Bist du nun bereit für deine zweite Reise ins grüne Land?“, fragte der Zauberer.
Waldemar bejahte das.
Da reichte der Alte ihm einen hölzernen Kelch, der mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt war.
„Trink ihn langsam aus“, sagte er. „Währenddessen werde ich das Feuer neu entfachen.“
Merlin legte einige Äste auf die Glut. Waldemar setzte den Kelch an die Lippen und trank. Dabei starrte er gedankenversunken in die auflodernden Flammen. Das Getränk schmeckte ähnlich wie Hernes Met, doch es war wesentlich stärker und stieg ihm sofort zu Kopf.
Der Zauberer entnahm einem kleinen, mit seltsamen Zeichen bestickten Beutel eine Räucherkerze und zündete sie an. Der seltsame Duft, der in der Höhle lag, verstärkte sich, und Nebel breiteten sich vor Waldemars Augen aus.
Mit einem Mal stand er wieder in der weiten grünen Ebene, diesmal allein, aber mit seinem neuen, glänzenden Schwert ausgerüstet.
Als er eine Weile gegangen war, traf er den Hirten, von dem Jojo damals Brot und Käse bekommen hatte. Als dieser ihn sah, begrüßte er ihn wie einen alten Bekannten und bot ihm das Gleiche an. Waldemar, der in dem schlichten, liebenswürdigen Menschen gerne einen Freund gefunden hätte, tat es in der Seele weh bei dem Gedanken an das, was er gleich tun musste. Aber eingedenk Merlins Belehrungen zückte er sein Schwert und schlug ein Kreuz in die Luft. Der Hirte ließ sein Brot fallen, starrte ihn mit einer Mischung von Fassungslosigkeit und Abscheu an und wankte weg. Eine böse Energie schien sich zwischen Waldemar und ihn zu senken, die jede Freundschaft zerstörte. Waldemar stöhnte und sackte zusammen. Keuchend lag er da. In seiner Schwäche tastete er nach dem Brot, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm die zweite Bedingung, die er zu erfüllen hatte, ein und er verzichtete.
Mühsam richtete er sich wieder auf und setzte seinen Weg fort.
Nach einer Weile gelangte zu den Fischerleuten. Als er an ihre Tür klopfte, fühlte er in sich die starke Sehnsucht nach einer heilen Familie, in der er sich geborgen fühlte, und wünschte sich nichts sehnlicher, als bleiben zu können. Aber es half nichts, auch von diesem Wunsch musste er sich lossagen. Nachdem die Frau und der Mann ihn begrüßt und wieder zu sich eingeladen hatten, hob er sein Schwert. Kurz danach sauste die Klinge kreuzweise durch die Luft. Die beiden schrieen auf.
„Verschwinde hier, du Verrückter!“, hörte er sie keifen. „Willst du uns umbringen? Mach, dass du wegkommst!“
Wieder hatte sich die böse Energie herabgesenkt, die ihn von allem Schönen abschnitt. Schmerzen loderten in ihm auf, als er hörte, wie ihr Kind anfing zu weinen. Er musste an das hilflose, liebebedürftige Kind in sich selber denken, das Kind, das damals auf der Erde nicht hatte erwachsen werden wollen und sich das Leben genommen hatte, als es keine Nestwärme mehr bekam.
Immer wieder sagte er sich Merlins Belehrungen vor, aber trotzdem lastete das Geschehene schwer auf seiner Seele, und er musste sich zwingen, weiterzugehen.
Schließlich kam er zu den Elfenhügeln, und wie damals hörte er die unirdisch schöne Musik. Waldemar schluckte, der Schweiß brach ihm aus, denn nun erschien vor ihm seine Traumfrau. Sie kam gerade aus einem offenen Hügel mit einem Korb voller Pilze in der Hand. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie ihn wiedererkannte und auf ihn zulief.
Vor dieser Begegnung hatte er sich am meisten gefürchtet.
„Nein!“, wimmerte er. „Herne, Merlin, helft mir! Helft mir zu erkennen!“
Mit der linken Hand griff er nach seinem Amulett, mit der rechten packte er sein Schwert.
Die rothaarige Schöne blieb vor ihm stehen.
„Komm, lass uns tanzen“, rief sie, stellte ihren Korb auf die Erde und wollte ihn an der Hand nehmen.
Er stöhnte. Tränen rannen ihm übers Gesicht. Schon wollte er sein Schwert fallen lassen, da musste er an die Worte des alten Zauberers denken: „Versuche, zum Herrn der Welten zu beten, denn auf Ihn musst du vertrauen. Auf Ihn allein!“
Zögerlich flüsterte Waldemar: „Bitte, lieber Gott, hilf mir!“
Da strömte mit einem Mal wieder etwas Kraft durch seinen Körper. Er hob das Schwert. Ein verzweifeltes Schreien entrang sich seiner Kehle. Alles vor seinen Augen verschwamm, als die Klinge durch die Luft zuckte - dann hörte er nur noch das dumpfe Keuchen seiner Geliebten und ihre Schritte, die sich entfernten. Wieder spürte er die unheimliche Macht, die alle Liebe auseinandertrieb.
Mit brennenden Augen wandte er sich dem schwarzen Schloss zu, das sich am Horizont abzeichnete. Es dauerte nicht lange, da hatte er es erreicht. Die Zeit schien schneller zu vergehen als damals.
„So, Elfenkönig, jetzt wird abgerechnet!“, murmelte er leise, aber entschlossen. Er zückte sein Schwert und stürmte durch das Tor und die Treppe empor in den Saal.
Dort fand er den König bereits vor. In seinen grünen Augen meinte er Furcht zu lesen, und das erfüllte ihn mit unglaublicher Genugtuung.
Erneut traten sie gegeneinander an und kämpften, aber diesmal waren die Rollen umgekehrt. Waldemar bestimmte den Kampf, und nur am Anfang konnte der König noch einigermaßen Widerstand leisten, dann wurde er mit heftigen Streichen durch den Saal getrieben.
„Wer hat dir mein Geheimnis verraten?“, schrie er.
„Das verrate ich nun wiederum dir nicht!“, gab Waldemar zurück.
Wütend wollte sich der König zum Gegenangriff wenden, da vernachlässigte er für einen Augenblick seine Deckung und empfing einen furchtbaren Hieb. Sein Brustpanzer schepperte wie wertloses Blech und klaffte gänzlich auseinander. Eine tiefe, blutige Spur zog sich über seine Brust. Entsetzt starrte er seinen Gegner an.
„Gnade!“, winselte er.
„Die Waffe weg!“, befahl Waldemar. Der König ließ sein Schwert zu Boden fallen.
„Und jetzt erwecke alle, die in den Särgen schlafen, und gib mir meine Schwester heraus!“
Dem König blieb nichts anderes übrig als zu gehorchen. Er holte eine Flasche, in der sich eine rote Flüssigkeit befand, hinter seinem Thron hervor und träufelte jedem der Schlafenden einen Tropfen in den Mund. Es dauerte nicht lange, da erhoben sie sich wieder. Auch Jojo erwachte aus seinem Schlaf.
Sarah kam freudestrahlend in den Saal gelaufen und nahm Waldemar an der Hand.
Dann verließen sie das Schloss, gefolgt von den anderen Erlösten. Als der letzte durch das schwarze Tor geschritten war, hörten sie noch einen verzweifelten Schrei des Königs.
„Keine Angst“, sagte Waldemar, „er hat jetzt keine Gewalt mehr über uns.“
Zusammen mit Sarah und Jojo ging er langsam nach Westen. Ein Augenblick tiefer Ruhe durchströmte ihn.
Da tauchten plötzlich wieder die Nebel vor seinen Augen auf, und im nächsten Augenblick befand er sich in der Höhle bei Merlin.

„Gut gemacht“, sagte dieser.
„Was soll das?“, stotterte Waldemar und starrte den alten Zauberer verwirrt an. „War das Ganze etwa doch nur ein Traum?“
„Ja und nein“, erwiderte Merlin. „Du hast gerade in deiner Seele die Grundlagen für ein zukünftiges Glück gelegt. Sarah und Jojo sind frei und werden dir eines Tages wiederbegegnen. Auch wirst du andere Freunde und wirkliche Liebe finden, wenn die Zeit gekommen ist, aber nicht mehr in dieser Welt. Wann es soweit ist, musst du dem Herrn der Welten überlassen. Je mehr du ihm vertraust, desto öfter wird er dich mit Menschen zusammenbringen, die für dich gut und segensreich sind, und von jenen fernhalten, die dir auf den ersten Blick vielleicht begehrenswert erscheinen wie die Elfe aus dem grünen Hügel, aber dir vermeintliches Glück vorgaukeln. Wirkliches Glück findest du nur, wenn du beständig das Gebet zu Ihm suchst, deine Verfehlungen aus der Vergangenheit gründlich bereust und auch anderen vergibst, denen du vielleicht Ablehnung entgegenbringst, so z. B. den Menschen auf der Erde, die die Natur erbarmungslos zerstören. Je mehr du bereit bist, andere zu lieben und ihnen ihre Fehler nachzusehen, aber auch dich selbst zu lieben und in deiner Unvollkommenheit anzunehmen, desto mehr verschwinden deine Ängste, so dass du ein glückliches Leben führen und anderen zum Vorbild werden kannst. Doch das ist ein täglicher innerer Kampf.
Dein Weg führt dich nun zum Tempel des Herrn der Welten. Dort musst du Einkehr halten, zur Ruhe kommen und das Gebet gründlich üben, bevor du in eine neue Geburt auf der Erde eintrittst.“
Waldemar seufzte. Gerade war er in Gedanken heimlich zu der rothaarigen Schönheit aus dem Elfenhügel zurückgekehrt, obwohl er wusste, dass sie für ihn unerreichbar war und er sich von ihr endgültig lossagen musste.
„Wie weit ist es denn noch bis zum Tempel?“, fragte er lustlos.
„Nicht mehr weit“, tröstete ihn der Zauberer. „Und der Tempel ist ein Ort des Friedens, auf den du dich freuen solltest.“
Aber Freude wollte bei Waldemar nicht recht aufkommen. Nun würden nach den kurzen Momenten des Glücks wieder Entbehrungen vor ihm liegen. Wer konnte sagen, wie lange? Nachdenklich betrachtete er sein Schwert.

Am nächsten Morgen verabschiedete er sich von Merlin, verließ den Felsen und wanderte weiter. Über Nacht hatte er etwas neuen Mut geschöpft und schritt zügig voran. Nun, da es ja doch nichts half, wollte er möglichst schnell den Tempel erreichen.
Sein neues Schwert blinkte an seiner Seite, und der Vorratsbeutel war wieder prall gefüllt, so dass er weder Hunger noch Durst leiden musste.
Trotz seiner gestrigen Enttäuschung war Waldemar dem alten Zauberer sehr dankbar für alles, was er für ihn getan hatte, obwohl er noch lange nicht am Ziel seiner Wünsche war.

Der Weg wurde allmählich unebener. Die Landschaft glich immer mehr einer Wüste. Nur noch selten waren Flecken zu sehen, die mit Gras oder Heidekraut bewachsen waren. Stattdessen ragten häufiger Felsen auf, die jenem ähnelten, in welchem Waldemar Merlin getroffen hatte. Manche waren ebenso groß, die meisten allerdings kleiner.
Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, kroch Waldemar in eine Spalte eines dieser Felsen und ruhte sich aus. Er war erhitzt und erschöpft, die Aufbruchsstimmung vom Morgen war größtenteils verflogen. Stärker als je zuvor verspürte er Einsamkeit.
Gegen Nachmittag setzte er seinen Weg fort, aber quälte sich nur noch voran. Eine Traurigkeit hatte ihn übermannt, die er nur schwer zurückdrängen konnte. Er sehnte sich nach Sarah und Jojo, vor allem aber nach seiner geliebten Elfe. Wenn er sie doch nur wiedersehen dürfte!
Alles um ihn herum kam ihm trostlos vor, seine Brust war wie zugeschnürt.
Nach einer Weile gelangte er zu einem abgestorbenen Baum und bemerkte, dass es wieder einer dieser mit Bändern geschmückten Bäume war. Unten im Wurzelwerk grinste ein Totenschädel.
Waldemar flirrte es vor Augen, sein Atem ging röchelnd und stoßweise. Er meinte, den Schädel zu ihm sprechen zu hören.
„An einem der Äste findest du Ruhe“, flüsterte der ihm zu. „Such dir den schönsten aus! Dort kannst du diese Welt hinter dir lassen und zu deinen Lieben zurückkehren. Wickle mir das Band vom Kopf und lege es dir um den Hals! Hab keine Angst, es ist ein geweihter Baum, geweiht von den Schamanen der Wüste...“
Waldemar ging vor Schwäche in die Knie, als er diese Worte hörte. Zu verlockend war die Aussicht auf eine schnelle Rückkehr zu Sarah und Jojo und – zu der rothaarigen Schönheit aus dem Elfenhügel. Doch er wusste, dass der Schädel log. Seine Zeit am windigen Baum war ihm noch gut in Erinnerung, und er hatte gelernt, dass ein Sich-Erhängen keine Lösung war, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mochte.
Mühsam rappelte er sich auf und schleppte sich weiter, ließ den geschmückten Baum hinter sich. Und je größer der Abstand wurde, desto schwächer wurden die Einflüsterungen des Schädels. Schließlich waren sie nicht mehr zu hören, sein Kopf war wieder frei. Er freute sich, dass er der Versuchung widerstanden hatte.
Ungefähr eine halbe Stunde später tauchte vor ihm in der Ferne eine Art Oase auf. Es war ein kleines Wäldchen, das freundlich und einladend aussah. Nach einer weiteren Stunde hatte Waldemar es erreicht und trat in den Schatten der Bäume. An einer plätschernden Quelle wusch er sich den Schweiß und den Staub des Weges ab, stillte seinen Durst und legte sich ins weiche Moos. Er aß noch schnell etwas aus seinem Vorratsbeutel, dann fielen ihm die Augen zu.


Einkehr

Am nächsten Morgen erwachte er gestärkt und erfrischt. Nach einem schnellen Frühstück sprang er auf die Beine und ging tiefer in den Wald hinein. Weit kam er nicht, denn nach ungefähr hundert Schritten versperrte ihm eine alte, mit Efeu bewachsene Steinmauer den Weg. Dahinter schien der Wald weiterzugehen. Er konnte die Kronen von Bäumen sehen. Waldemar folgte der Mauer nach links und gelangte nach einer Weile zu einem hölzernen Tor, an dem ein großer, eiserner Türklopfer befestigt war. Darüber war ein kleines, bauchiges Kreuz aus Metall angebracht.
Nachdenklich blieb er davor stehen. Ja, sagte er zu sich, dies wird wohl der Tempel sein, von dem Herne und Merlin gesprochen haben. Endlich habe ich ihn erreicht. Hoffentlich werde ich hier tatsächlich Frieden finden und etwas für meinen weiteren Weg dazulernen.
Er atmete mehrere Male tief ein und aus, denn er war auf einmal doch ziemlich aufgeregt.
Dann hob den Ring an und schlug ihn dreimal gegen die Bohlen. Dumpf hallten die Schläge durch den Wald.
Eine Weile musste er warten, dann hörte er schlurfende Schritte. Das Tor wurde geöffnet, und vor ihm stand ein weißhaariger Mann, der eine härene Kutte trug.
„Tritt ein“, sagte er und reichte ihm die Hand. „Friede sei mit dir!“
Dieser Gruß tat Waldemar unglaublich gut. Es war, als ob ein Segen von dem Mann ausging und ihn durchströmte. Plötzlich merkte er, dass er sich nach allem, was er durchgemacht hatte, wirklich von Herzen Frieden wünschte und einen Ort, an dem er sich fallen lassen konnte. Und er hatte das Gefühl, dass der Tempel, an dessen Tor er jetzt stand, dieser Ort war.
Der Alte stellte sich als Bruder Ludwig vor und bat ihn einzutreten. Nachdem er das Tor wieder verschlossen hatte, führte er ihn über einen schmalen, steinernen Pfad, der mitten zwischen den Bäumen entlanglief.
Sie gelangten zu einem Hügel, auf den der Pfad über flache Treppenstufen hinaufführte. Oben angekommen, öffnete sich vor Waldemars Augen ein schöner Garten mit vielen knorrigen Obstbäumen. In seiner Mitte standen einige kleine, gedrungen wirkende Häuser, die mit Stroh gedeckt waren.
Bruder Ludwig führte Waldemar in eines dieser Häuser und zeigte ihm das Zimmer, in dem er schlafen sollte. Es war ein schlicht eingerichteter Raum; ein schmales Bett und ein Nachttisch befanden sich darin, außerdem noch ein Stuhl und ein kleiner Schrank. An einer Wand hing eine Ikone, davor stand ein hölzernes Gebetsbänkchen mit einer Kerze. Der Raum wirkte auf Waldemar heimelig. Nachdem er seinen Vorratsbeutel und sein Schwert abgelegt hatte, zeigte ihm Bruder Ludwig auch die anderen Häuser und erklärte ihm den Tagesablauf im Tempel.
„Morgens, mittags und abends halten wir unsere Andachten, die übrige Zeit wird gearbeitet. Da gibt es immer genug zu tun, denn wir versorgen uns größtenteils selbst. Nur hin und wieder kommen Händlerkarawanen vorbei, von denen wir etwas eintauschen können.
Mit mir leben hier noch drei weitere Brüder. Außerdem einige Menschen wie du, die nur eine Weile bleiben, um Einkehr zu halten. Zurzeit sind es vier.“
In der Küche bekam Waldemar vom dort arbeitenden Bruder, der sich als Nikodemus vorstellte, erstmal ein zweites Frühstück, ein Schälchen mit süßem Brei aus Vollkornschrot und Früchten. Danach warf er einen Blick in die Kapelle und ging dann auf Anweisung Bruder Ludwigs in den Garten, um zu meditieren, bis der Gong zum Mittagsgebet rief.

So begann für Waldemar das Leben im Tempel, an das er sich zunächst gewöhnen musste. Das regelmäßige frühe Aufstehen und die Arbeit in Garten und Küche verlangten seiner immer noch geschwächten Seele einiges ab, aber er spürte deutlich, dass sie dadurch stärker wurde und auf dem Wege war, ganz zu gesunden. Dann gab es für ihn Momente des Friedens, in denen er sich eingebettet fühlte in ein Großes, Ganzes und das Gefühl hatte, Gott, dem Herrn der Welten, nahe zu sein.
Die anderen Bewohner des Tempels hatte er bald alle kennengelernt, und zu seiner Überraschung war einer darunter, den er bereits kannte. Es war ein alter Schulfreund aus seinem vergangenen Leben, mit dem er früher viel unternommen hatte. Bei seinem Anblick musste er wieder an die Vision denken, die er gehabt hatte, als er mit Jojo und Jodie am Weltenbaum unterwegs gewesen war und sie zusammen in dem Loch im Stamm gerastet und Wein getrunken hatten. Dieser Freund war es gewesen, den er gesehen hatte, zusammen mit noch einem anderen. Ihre Namen waren ihm damals nicht eingefallen, aber jetzt waren sie plötzlich wieder präsent, als wären sie niemals in den Tiefen seiner Seele vergraben gewesen: Friedhelm und Christoph.
Nun traf er also Friedhelm hier im Tempel wieder, und die beiden freuten sich sehr. So oft es die Zeit erlaubte, machten sie Spaziergänge außerhalb der Mauern im Wald, der größer war, als Waldemar zunächst angenommen hatte. Bald hatten sie einige Plätze entdeckt, an die sie immer wieder gerne zurückkehrten, genau wie damals bei ihren Streiftouren durch die Wälder auf der Erde. Sie redeten von alten Zeiten, aber auch davon, was ihnen nach Waldemars Tod widerfahren war. Als Waldemar von den hinter ihm liegenden Erlebnissen berichtete, merkte er deutlich, wie sehr sich dadurch seine Sicht der Welt verändert hatte.
Die leidvolle Ungewissheit und Sinnleere, die früher oft seine Gedanken beherrscht hatte, war gewichen und hatte einer zaghaften Zuversicht und Lebensbejahung Platz gemacht. Ja, er wollte leben und zurück zu den Menschen, die ihm am Herzen lagen.
Friedhelm ließ ihn wissen, dass der vorzeitige Tod seines Freundes ein tiefer Einschnitt in seinem Leben gewesen wäre. „Ich habe danach gelernt zu beten und bin ein völlig neuer Mensch geworden“, sagte er.
„Es tut mir so leid“, antwortete Waldemar. „Jojo hat mir erzählt, dass ich dazu auserwählt war, ein Heiler zu werden. Ob ich wohl noch eine zweite Chance bekomme?“
„Davon bin ich überzeugt, sonst wärst du nicht hierhin geführt worden.“
„Wie bist du eigentlich in den Tempel gelangt? Bist du denn auch gestorben?“
„Ja und nein. Nicht so wie du. Ich lebe nach wie vor auf der Erde, die du verlassen hast, und träume gerade. Dieser Tempel ist der Parallelort zu einem Kloster, in dem ich mich zurzeit aufhalte, um die letzten Reste des ‚alten Friedhelm’ abzuschütteln und als Neugeborener in die Welt zurückzukehren. In gewisser Weise bin ich also auch gestorben oder liege in den letzten Zügen.“
Waldemar kam auf ein anderes Thema zu sprechen.
„Ich verstehe noch nicht genau, was es mit Jesus auf sich hat, zu dem wir ja auch beten. Wie konnte er uns durch das Leid, das er durchlitten hat, erlösen?“
„Er konnte der gesamten gefallenen Schöpfung, die von ihrem Verführer und Beherrscher im Bann gehalten wurde, die Rückkehr zu ihrem Schöpfer ermöglichen, weil er während seines ganzen Erdenlebens gottestreu geblieben ist und sämtlichen Versuchungen des Bösen auch im schwersten Leid widerstanden hat. Darum durfte er das Gefängnis, das sein Bruder Luzifer für die Seelen, die ihm vor langer Zeit nachgefolgt sind, geschaffen hat, aufbrechen, und darum können wir, wenn wir ihn als unseren Erlöser annehmen und nach seinem Willen handeln – nämlich Nächstenliebe üben – wieder zu Gott, unserem Ursprung, zurückkehren.
Und wenn wir in unserem Leben Leid erfahren, dann sollen wir versuchen, es anzunehmen wie er und uns vertrauensvoll an unseren Schöpfer wenden. Wir sollen unser Leben nicht durch eigene Hand beenden, denn dann ist der Weg umso länger.“


Engelgesang

Die Tage und Wochen im Tempel vergingen. Waldemar konnte nicht sagen, wie lange er schon hier war. Die Arbeit, die Gebete und die Gespräche mit seinem Freund Friedhelm taten ihm gut. Er fühlte immer mehr Liebe, wenn er an die Menschen auf der Erde dachte, die er früher aufgrund seiner tiefsitzenden Ängste abgelehnt und verabscheut hatte. Und nicht nur das. Eine seltsame Macht begann in ihm zu wirken, die ihn auf die Erde zurückzog.
Eines Morgens wachte er auf und spürte, dass seine Zeit im Tempel dem Ende zuging und er das, was er hier hatte lernen sollen, gelernt und erfahren hatte.
Während der nächsten Tage nahm er innerlich Abschied von allem. Er betete allein in der Kapelle, dankte dem Herrn der Welten noch einmal für alles Gute, das er ihm erwiesen hatte, und bat ihn um Kraft für seinen weiteren Weg. Dann schritt er in stiller Andacht durch den Garten. Schließlich suchte auch noch einmal mit Friedhelm die Plätze draußen im Wald auf. Die beiden hatten Räucherstäbchen dabei, die sie von Bruder Nikodemus bekommen hatten. An einem kleinen Weiher setzten sie sich ins Gras und entzündeten zwei der Stäbchen. Leicht kräuselnd stieg der Rauch auf.
Viel redeten sie nicht mehr miteinander, sondern hingen ihren Gedanken nach. Sie wussten, dass sich ihre Wege wieder trennen würden, denn jeder von ihnen musste weitere eigene Erfahrungen sammeln. Aber eines Tages, so hofften sie, würden sie sich wiedersehen, und dann konnten sie vielleicht gemeinsam eine Aufgabe übernehmen, die anderen Hilfe brachte.
Sie blieben sitzen, bis die Sonne sich langsam anschickte, unterzugehen.
Als sie sich schließlich auf den Rückweg zum Tempel machen wollten, hörten sie plötzlich ein Singen, das die Luft erfüllte.
Waldemar schaute Friedhelm an, und eine seltsame Helligkeit umgab ihn. „Meine Zeit ist gekommen“, sagte er. „Jetzt werde ich mich gar nicht mehr von den Brüdern und den anderen verabschieden können.“
„Ich werde das für dich übernehmen“, erwiderte Friedhelm. „Geh du nur.“
Er umarmte ihn noch einmal kurz und schritt dann den schmalen Pfad zurück zur Tempelpforte, ohne sich umzublicken.
Der Gesang um Waldemar wurde lauter. Lichtwesen kamen auf ihn zu und nahmen ihn in ihre Mitte. Ihr Lied drückte Hoffnung aus, dass er in seinem neuen Leben endlich ein Heiler verlorener Menschenseelen werden würde.
„Du darfst nicht verzweifeln, auch wenn der Versucher wieder an dich herantritt“, sagten sie. „Denn es gibt einen Weg, den Weg des Gebetes und der Liebe. Vergiss das nicht.“
Vor sich sah er die geisterhaften Schemen von Jojo, Sarah und Jodie, die ihm zulächelten. Waren sie wirklich da oder nur Einbildung? Seine Augen wurden schwer und fielen ihm schließlich zu. Da glaubte er, dass er in einer Wolke von Licht in den Himmel getragen wurde.

Am nächsten Morgen verließ Friedhelm das Kloster auf der Erde.
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