![]() |
|
|
Das Rätsel von Haferberg Auf Heide und Feldflur lag tiefer Schnee, und ein scharfer Wind blies. Hier und da waren Spuren von Fuchs, Hase und Reh zu sehen, aber nirgends ein Tier. Alle hatten sich verkrochen in ihren Löchern oder dem bisschen Wald am Rande der Heide, damit sie geschützt waren vor der harten Kälte. Zwei Männer, dick eingepackt, stapften mit schweren Schritten durch die verlassene Landschaft. Langsam ging es nur voran, kaum ein Wort fiel. Nach einer Weile tauchten einige Büsche auf, die den Wind allerdings kaum abhalten konnten. Neben ihnen stand ein altes, verwittertes Steinkreuz. „‚Karstens Tod’!“, sagte der eine. „Nun haben wir es nicht mehr weit.“ Als sie gerade um die nächste Krümmung waren, sahen sie bereits den großen Schornstein des Einzelgehöfts, wo sie hinwollten. Haferberg hieß der Hof. Sie schöpften neuen Mut und mühten sich tapfer weiter. Eine halbe Stunde verging noch, dann standen sie vor dem Wohnhaus und klopften an die Tür. Eine schwarzhaarige Frau von etwa dreißig öffnete. Man konnte sehen, dass sie verweinte Augen hatte. „Gottlob, dass Sie gekommen sind, Herr Pfarrer“, sagte sie und gab dem einen der beiden die Hand. Der andere, ihr Mann, bekam einen Kuss. „Kommt herein und trinkt erst einmal einen heißen Grog! Er schläft nun“, fügte sie hinzu, und die Männer traten in die Stube, wo der Kachelofen ordentlich brannte. Bald hatten beide ein dampfendes Glas in der Hand und erholten sich allmählich. Nach einer Weile begann der Pfarrer das Gespräch. „Liebe Liese, lieber Gregor“, sagte er. „Was ist los mit eurem kleinen Haye? Was kann ich für ihn tun?“ „Wir wissen es selbst nicht“, antwortete Liese. „Ihm geht es schlecht, sehr schlecht, und der Doktor kann nichts finden. Abends, wenn es dunkel wird, bekommt er einen heißen Kopf und fängt an zu schreien: ‚Vater, lass mich raus, Vater, lass mich raus!’...“ Die Frau begann zu schluchzen und konnte nicht weiterreden. „Ja“, ergriff Gregor das Wort, „aber ich bin es nicht, den er dann meint, verstehen Sie? Er erkennt seinen Vater nicht mehr, er phantasiert. Und seine Stimme ist ganz anders – es ist furchtbar, das zu hören!“ Das Gesicht des Pfarrers nahm einen ernsten Ausdruck an. „Wie lange geht das schon so?“ „Heute ist der vierte Tag“, sagte die Frau leise. Dann stand sie müde auf und ging hinaus, um nach ihrem Sohn zu sehen. Der Pfarrer erhob sich auch und schritt langsam in der Stube umher. „Fürs Erste“, sagte er zu Gregor, „kann ich nichts weiter tun als gemeinsam mit euch für ihn zu beten, wenn es dunkel wird. Aber das dauert ja noch eine Weile. Lass uns die Zeit nutzen, um zu überlegen. Es muss eine Ursache geben für das, was mit eurem Sohn geschieht, und ich vermute, dass es mit diesem Hof, mit Haferberg, zu tun hat.“ Gregor riss die Augen auf. „Wie meinen Sie das?“, stieß er hervor. Der Pfarrer zögerte ein wenig: „Ja“, meinte er dann, „wie soll ich es sagen? Es ist nicht der erste Vorfall auf diesem Hof. Als ich vor sieben Jahren hier im Dorf als Pfarrer begann, waren eure Vorgänger gerade fortgezogen. Es wurde von Spuk geredet und dass dies der Grund gewesen wäre, warum sie Haferberg verlassen hätten. Ich habe mich damals nicht viel darum gekümmert, aber nun fällt es mir wieder ein.“ Gregor war kreidebleich geworden und saß keuchend in seinem Lehnstuhl. Er wusste nicht, was er sagen sollte. „Habt ihr ein Chronikbuch im Haus?“, fragte der Pfarrer plötzlich. Der Mann von Haferberg nickte und deutete auf das Regal. „Ich habe noch nie hineingesehen“, gab er zu. Der Pfarrer ging hin und nahm das alte Buch heraus. Er blätterte es durch, las ab und zu ein Stück und sagte dann: „Ja, also, das Haus, so wie es nun ist, steht seit etwa zweihundert Jahren. Der Mensch, der es errichtet hat, hieß Rudolf Marquardt. Er war eine Art Gaukler gewesen, der mit Bällen und Keulen jonglierte und sich auch auf einige Zaubertricks verstand. Auf die eine oder andere Weise ist er zu viel Geld gekommen, so dass er es sich leisten konnte, hier sesshaft zu werden. Er begann mit der Landwirtschaft, und sein Sohn, Albrecht, führte den Betrieb weiter. Auch der Enkel, Johann, übernahm den Hof. Aber dann geschah etwas Merkwürdiges: Die ganze Familie verschwand plötzlich eines Tages und niemand hat erfahren, wo sie abgeblieben ist. Nur einer der Söhne wurde tot auf der Heide gefunden, etwa eine halbe Stunde vom Haus entfernt.“ „‚Karstens Tod’“, flüsterte Gregor, „das Steinkreuz am Wegesrand!“ „Du hast recht“, antwortete der Pfarrer, „hier steht es: ‚Zum Gedenken an den Toten hat die Gemeinde ein steinernes Kreuz errichten lassen. Steinmetz Hinrich Wickert hat dieses Kreuz gemacht.’“ Er schwieg eine Weile und las weiter. Dann sagte er: „Nach dem Vorfall stand das Haus leer, denn niemand wollte darin wohnen. Es fiel der Gemeinde zu, aber wurde nicht in Ordnung gehalten. Erst fünfzig Jahre später kam wieder ein Mensch, der es günstig kaufte, und das war Ewald Mommsen, euer Vor-Vorgänger. Bei ihm hört das Buch auf.“ „Und Sie meinen, dieses Geschehnis hat etwas damit zu tun, dass mein Sohn so krank ist?“, fragte Gregor. Der Pfarrer konnte nicht mehr antworten, denn in diesem Augenblick stürzte Liese in die Stube. „Es geht wieder los“, rief sie mit bleichem Gesicht, „kommt schnell!“ Als sie das Schlafzimmer betraten, lag der Kleine dort in seiner Wiege und schrie mit einer ganz merkwürdigen Stimme. „Vater, lass mich raus, Vater, lass mich raus, es ist so dunkel...“, ging es in einem fort. Liese schluchzte laut auf und schlang die Arme um ihren Mann. Auch Gregor stand da und zitterte. „Sieh doch“, stieß die Frau hervor, „sieh doch, er weint blutige Tränen! Was hat das zu bedeuten? Wir armen Menschen, wir haben doch niemandem etwas getan!“ „Lasst uns die Ruhe bewahren“, sagte der Pfarrer, „und uns im Kreis um die Wiege aufstellen. Dann nehmen wir einander an den Händen!“ Als das geschehen war, begann er zu singen: „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier...“ Leise und mit schwacher Stimme fielen Gregor und Liese ein. Der Pfarrer sang alle sechs Strophen, und als er damit fertig war, hatte der Kleine sich etwas beruhigt, aber schluchzte noch. Ganz ernsthaft fragte der Pfarrer in die Stille des Schlafraumes: „Im Namen Gottes und seines Sohnes, Jesus Christus, wer bist du?“ Liese und Gregor standen ganz starr und wagten kein Wort zu sagen. Was meinte der Pfarrer damit? „Wer bist du?“, fragte dieser noch einmal. Der Kleine schluchzte, aber dann kam undeutlich aus seinem Mund: „David.“ Liese schrie auf. „Schsch“, wisperte Gregor und streichelte ihr sanft die Hand. „David...“ – der Pfarrer musste kurz schlucken und sich sammeln – „und kannst du mir auch deinen ganzen Namen sagen?“ Keine Antwort. „David, wie alt bist du?“ „Sechs.“ „Mein lieber Junge“, sagte der Pfarrer bedächtig, „du bist hier in dem Körper eines fremden Menschen. Du darfst hier nicht bleiben.“ „Aber ich will nicht zurück ins Dunkle.“ „Kannst du mir sagen, wo das ist, das Dunkle?“ „Im Keller.“ „Im Keller? In was für einem Keller?“ Keine Antwort. „Und dein Vater, ist der auch dort im Dunkeln?“ „Ja.“ „Und deine Mutter?“ „Ja.“ „Und deine Geschwister?“ „Sie sind alle im Dunkeln.“ „Lieber David, ich verspreche dir, dass wir euch alle herausholen aus dem Dunkeln, aber du musst nun den Körper dieses Jungen verlassen. Du willst ihm doch nicht schaden?“ „Nein.“ „So sage ich Auf Wiedersehen zu dir, David. Geh mit Gott, mein Junge, bete zu Jesus Christ, unserem Erlöser, und ich verspreche dir, wir werden euch vom Dunkeln befreien, wenn es Gottes Wille ist.“ „Auf Wiedersehen.“ Die fremde schluchzende Stimme wurde immer schwächer, und zuletzt schlug Haye die Augen auf und war wieder er selbst. Der Pfarrer sprach noch ein abschließendes Vaterunser und sagte dann: „Ich glaube, wir haben es für heute überstanden. Haye muss nun schlafen. Lasst uns zurückgehen in die Stube.“ „Ich begreife das nicht“, sagte Liese leise weinend, als sie wieder am Kachelofen saßen. „Was ist geschehen?“ „Ich kann euch beruhigen“, antwortete der Pfarrer. „Eurem Sohn fehlt nichts. Es war nur eine kleine arme, verirrte Seele in seinen Körper gekommen. Und sie müssen wir versuchen zu retten. Solche Geister brauchen ein Medium, damit sie mit den Menschen in Kontakt treten können. Das kann ein menschlicher Körper sein oder auch ein Tierkörper. Das kann auch eine Quelle vergeistigter Materie sein, aber... nein, das führt nun zu weit. Ich darf euch so etwas eigentlich gar nicht sagen, denn die Kirche ist streng dagegen. Die, die hier auf der Welt das Sagen haben, die wissen nur wenig von Gottes Weisheit und Gnade, von seiner Liebe zu all seinen Geschöpfen, und dass er sie alle wieder zu sich ruft. Und wir, wir sollen ihm dabei helfen. Morgen wollen wir uns bemühen, die Ursache dafür zu finden, warum der arme David so leiden muss. Und ich bin sicher, dass wir das Rätsel lösen werden. Nun lasst uns mal zu Bett gehen und mit Gottes Segen ruhig schlafen.“ Liese hatte sich wieder einigermaßen erholt und stand auf, um dem guten Pfarrer ein Nachtlager am Kachelofen zu bereiten. Er und Gregor tranken zusammen noch einen kleinen Grog, und dann wurde es allmählich still und dunkel auf Haferberg. Nur der Mond schien über dem Hof und dem tiefen Geheimnis, das er barg. Am nächsten Morgen war das Wetter heiter und freundlich. Der Schnee glitzerte auf den Feldern in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Der Pfarrer war schon wach und spazierte draußen ums Haus. Er war ein Mensch, der sich sehr mit der Natur verbunden fühlte. Sie gab ihm die Kraft, die er für sein Arbeiten und Wirken hier auf der Welt nötig hatte. Bei einem alten Baum blieb er stehen, streichelte mit der Hand über die Rinde und betete: „Gott, lieber Vater im hohen Himmel, gib mir die Weisheit, um das Rätsel zu lösen, dass mir aufgegeben worden ist. Hilf mir, die armen Seelen wieder zu dir ins Licht zu führen!“ Er fühlte eine gute Energie von dem Baum kommen und durch seine Hand in sein Herz strömen. Sie stärkte und tröstete ihn. Eine ganze Weile blieb er stehen und sah der Sonne zu, die ihren Weg über den Himmel begann. Seine Gedanken gingen zurück in seine Studentenzeit in Bonn. Da war er mit einem katholischen Priester in Kontakt gekommen, der ihm erzählt hatte, dass Gottes Liebe über all das hinausginge, was die menschlichen Kirchen mit ihren Dogmen für wahr erachteten. Dass es keine ewige Hölle gäbe. Dass alles wieder zurückkehrte zu Gott. Und dass es Engel gäbe, die ihm davon berichtet hätten. Dieser Mensch hatte später seine Kirche verlassen und war nach Amerika gegangen, um eine eigene Gemeinde zu gründen. Der junge Bonner Theologiestudent war von ihm tief geprägt worden. Er hatte gemerkt, dass diese Engel auch bei ihm waren und ihm auf seinem Weg zu Gott halfen. Und das hatten sie stets getan bis jetzt. Mit neuem Mut wandte der Pfarrer sich um und ging zurück zum Haus. Gregor stand schon vor der Tür und wartete auf ihn. „Guten Morgen“, sagte er. „Das Frühstück ist fertig, kommen Sie nur herein.“ Als sie alle am Tisch saßen, fragte der Pfarrer: „Habt ihr einen Keller im Haus?“ „Ja“, antwortete Liese, „einen kleinen nur, wo wir unsere eingemachten Gurken, Birnen, Äpfel und Quitten aufbewahren.“ „Hm“, meinte der Pfarrer, „ist euch dort jemals etwas Merkwürdiges aufgefallen?“ „Nein“, sagte Liese. „Aber wir können trotzdem einmal hinuntergehen“, schlug Gregor vor. „Das lass uns“, sagte der Pfarrer. Nachdem sie mit dem Essen fertig waren, zündete Gregor seine Öllampe an und der Pfarrer eine große Kerze. Und dann schritten sie die schmale Treppe hinunter in die Dunkelheit. Sie leuchteten in alle Ecken und Winkel des Kellers, aber konnten nirgends etwas finden, das ihnen weitergeholfen hätte. „Nichts zu machen“, sagte Gregor und wollte wieder hochgehen. „Irgendwo muss die Lösung des Rätsels doch sein“, murmelte der Pfarrer und schob die Gläser mit Früchten und Gurken zur Seite. „Was ist das für ein Kreuzbalken dort hinter dem Regal?“, wollte er wissen. „Der ist mir da noch nie aufgefallen“, meinte Gregor verwundert und kam die Treppe wieder herunter. „Das sieht ja so aus wie eine verrammelte Tür!“, stieß er hervor, als er genauer hinsah. Der Pfarrer atmete scharf ein und hielt die Luft an. Eine innere Stimme sprach zu ihm: Das ist er – der Eingang zu dem Dunkeln, von dem die arme Kinderseele gesprochen hat! Nun bereite dich darauf vor, dass gewiss etwas Grauenhaftes dahinter lauert! „Ich werde unseren guten Nachbarn Gottlieb holen“, sagte Gregor, während er die Treppe wieder hinaufstieg. „Er wird uns helfen, da ranzukommen!“ Tief in Gedanken folgte ihm der Pfarrer. Nach einer Stunde war Gottlieb da, ein stämmiger Zimmermann von etwa vierzig. Er und Gregor gingen gleich hinunter in den Keller, um die Gläser wegzuräumen, damit sie das Regal auseinanderschrauben konnten. Der Pfarrer wollte helfen, aber Gregor sagte kurz: „Das ist unsere Arbeit. Sie sollten Ihre Kräfte für das Predigen sparen.“ So blieb ihm nichts übrig, als oben in der Küche zu sitzen. Liese kochte noch einen guten Kaffee, und auch der kleine Haye war wieder munter und spielte um den Tisch. Unten wühlten und rumorten Gregor und Gottlieb. Dann fielen Hammerschläge. Nach einer Weile kamen sie wieder hoch mit einer dicken Schicht Staub auf dem Gesicht und sagten: „Der Zugang ist frei.“ Dem Pfarrer klopfte das Herz bis zum Hals. Er umfasste noch einmal fest das kleine Kreuz, das er an einer Kette in seiner Tasche trug, und stand auf. „Jeder soll nun eine Öllampe mithaben“, meinte Gregor, „denn eine Kerze ist zu unsicher.“ Er holte noch zwei kleine Lampen aus seiner Werkstatt, goss Öl hinein und zündete sie an. Dann ging es los. Ein trockner, alter Geruch schlug ihnen entgegen, als sie den unbekannten Raum betraten. Der Pfarrer bekam kaum Luft und wäre am liebsten wieder umgekehrt, aber das verbot ihm sein Pflichtgefühl. Nein, er musste da nun durch. In dem Raum, wo sie nun waren, war nichts Besonderes zu sehen. Nur ein wenig Gerümpel lag auf dem Boden, und ein Rahmen ohne Bild hing schief an der Wand. Aber da kam noch eine Tür. Sie war nur angelehnt, und Gregor zog sie auf. Dahinter ging es ein paar Stufen hinunter. Der Raum, den sie nun betraten, war viel größer. Sie konnten mit ihren Lampen nicht bis zum Ende sehen. ‚Eine richtige Halle’, dachte der Pfarrer. ‚Das ist doch fast nicht zu glauben!’ Vorsichtig schritten sie weiter voran. Da tauchte mit einem Mal etwas Weißes vor ihnen auf. Gregor leuchtete hin. „Das ist ein Sarg“, flüsterte er. „Ein Sarg aus Marmor! Und da ist noch einer!“ Der Pfarrer spürte einen schlimmen Schmerz in der Brust. Sein Herz klopfte heftig. Er ahnte, dass sie dem Geheimnis von Haferberg nun ziemlich nahe waren. Insgesamt fanden sie sechs dieser Särge, vier kleine und zwei große. Einer von ihnen war offen und leer. „Was sollen wir tun?“, fragte Gottlieb. „Die anderen auch öffnen?“ Er zog Hammer und Beitel aus seinem Gürtel. „Nein“, sagte der Pfarrer. „Erst werden wir untersuchen, was da noch ist.“ Sie gingen weiter und kamen zum Ende des Raumes. Da war wieder ein Durchgang, aber dieses Mal nicht mit einer Tür verschlossen. Ein Vorhang hatte da gehangen, aber der war herabgefallen und lag, brüchig geworden, auf dem Boden. Der Pfarrer stieg darüber hinweg und leuchtete in den nächsten Raum. Er sah zwei Reihen dicker roter Kerzen, die auf Ständer gesetzt waren. Als er weiterging, kam er zu einer Art Altar, auf dem eine gräuliche Holzfigur saß und vor sich hinstarrte. Er schüttelte den Kopf und drehte sich um zu den anderen. „Das ist ja fürchterlich!“, sagte er. „Es sieht so aus, als hätten die Menschen hier einen alten Heidengott verehrt. Aber was für einer das ist, kann ich nicht sagen. Lasst uns die Kerzen anzünden!“ Er hob einen Holzspan vom Boden auf, öffnete die Scheibe seiner Lampe und hielt ihn an die Flamme. Gregor und Gottlieb folgten seinem Beispiel. Nach einer Weile hatten sie etwa zwanzig der Kerzen entzündet, und der Raum wurde davon einigermaßen hell. Stumm standen sie alle da und schauten sich in dieser unheiligen Kapelle um. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Der Pfarrer hatte durchaus erzählen gehört, dass es so etwas früher gegeben hätte und sicher auch heute noch ab und zu gäbe, aber es war doch etwas ganz anderes, selbst davor zu stehen und es mit eigenen Augen zu sehen. Er war ratlos, er wusste nicht, was er nun tun sollte. Wie sollte er den armen Seelen helfen, die hier unten gefangen waren und deren menschliche Überreste ganz gewiss in jenen Särgen aus Marmor lagen? Weil er nichts Besseres wusste, tat er das Gleiche, was er gestern an Haies Wiege getan hatte: Er stellte sich mit Gregor und Gottlieb im Kreis auf und sagte, sie sollten sich an den Händen fassen. Dann begann er wieder zu singen. Bald merkten alle drei, dass sich etwas Kaltes um sie sammelte und immer dichter wurde. Gottlieb schluckte mehrere Male, dann fuhr er zusammen und riss die Augen weit auf. Ein Röcheln kam aus seinem Mund. „Vater“, stieß er hervor, „Vater!“ Der Pfarrer sang zu Ende und betete zu Gott. „Vater“, kam es immer lauter von Gottlieb, „so dunkel... so dunkel...“ Es war ganz seltsam, einen so stämmigen Mann mit einer kindlichen Stimme reden zu hören. „Bist du es, David?“, fragte der Pfarrer, als er mit dem Beten fertig war, und wandte sich dem Zimmermann zu. „Ja“, sagte Gottliebs Stimme und begann zu schluchzen. „Sind deine Eltern und Geschwister auch hier?“ „Ja.“ „So hört alle zu“, rief der Pfarrer. „Ich weiß nicht, warum ihr hier seid, aber ich kann es wohl erraten: Ihr wolltet von Gottes Liebe und Licht nichts wissen und habt einen alten Abgott verehrt. Der einzige Weg, um freizukommen, ist, dass ihr eure Sünden bereut und von nun an unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus angehören wollt. Wollt ihr das?“ „Ich will es“, schluchzte die Stimme, „aber mein Vater lässt mich nicht.“ „David“, sagte der Pfarrer, „dein Vater kann dich nicht zurückhalten. Sage nur den Namen Jesus Christus und gehe ins Licht.“ „Jesus Christus.“ Als Gottliebs Stimme das Wort ausgesprochen hatte, wurde sein Körper auf einmal hin- und hergerissen, und ein fürchterlicher Schrei kam aus seinem Mund: „Neeeeiiiiin! Mein Soooohn, mein Soooohn! Bleib bei mir, mein Soooohn!“ „Sei still!“, donnerte der Pfarrer der Stimme entgegen. „Sei still, sage ich!“ „Meine Söhne, meine Töchter, meine Frau... neeiiiin!“ „Du kannst sie nicht mehr aufhalten, das hast du lange genug getan! Aber du kannst mit ihnen gehen, wenn du Jesus angehören willst!“ „Aaaaah! Den Namen kann ich nicht hören! Sie werden mir nie vergeben! Nie vergeben! Gott verschworen, ewig verloren! Aaaaah!“ „Was ist es denn, was du getan hast?“ „Ich habe uns alle Amojo geopfert. Er wollte mir Weisheit schenken und uns wieder zusammenführen in einem jenseitigen Paradies.“ Der Pfarrer konnte sich schon denken, dass mit Amojo dieser gräuliche Abgott auf dem Altar gemeint war. Er schüttelte den Kopf. „Wie so ein ‚Paradies’ aussieht“, sagte er, „hast du ja wohl erfahren. Das ist allerdings eine schwere Schuld, die du auf dein Haupt geladen hast. Aber du sollst nicht verzagen. Wenn du deine Sünden bereust, so kann dir vergeben werden. Sage mir, kannst du deine Familienangehörigen nun sehen? Wo sind sie?“ „Sie stehen im Licht. Es ist so hell. Ich kann es nicht ertragen. Sie... sie haben die Arme ausgebreitet... und Karsten... ist auch da... mein lieber Karsten...“ „Sie wollen dir vergeben und dich mitnehmen. Gib dir nur einen Ruck und gehe mit ihnen!“ „Nein... ich...“ „Bekenne dich zu Jesus Christus und gehe mit ihnen. Es ist der einzige Weg!“, sagte der Pfarrer streng. Gottliebs Körper wand sich, seine Augen starrten fürchterlich, mehrere Male wurde sein Kopf hin- und hergeschleudert. Zuletzt öffnete er den Mund und stieß hervor: „Aaaaaah! Jesus! Ich komme! Ich komme zu euch, meine lieben Kinder, meine liebe Frau. Vergebt mir! Lasst mich nicht alleine! Ich komme...“ Die Stimme wurde schwächer und verstummte zuletzt. Gottlieb sank auf die Knie. Gregor hielt ihn an den Schultern fest, damit er nicht aufs Gesicht fiel. Allmählich kam er wieder zu sich und schaute sich verwundert um. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, was gerade geschehen war. „Ich glaube“, sagte der Pfarrer leise, „das Rätsel von Haferberg ist gelöst. Gott, lieber Vater, hab Dank für das, was du heute getan hast! Auf dem Hof wird nun Frieden einziehen. Lasst uns hinaufgehen!“ Ein paar Tage später wusste das ganze Kirchspiel Bescheid über das, was auf Haferberg geschehen war. Der Pfarrer hatte zwar kein Wort darüber verloren, aber Gregor und seine Frau und auch Gottlieb konnten nicht schweigen; sie mussten über das reden, was sie erlebt hatten. Der Pfarrer ordnete an, dass die Marmorsärge geborgen wurden, und mit großem Aufwand wurden sie zum Friedhof gebracht und dort begraben. Einer der Sargträger fand unten in den alten Hallen ein Buch mit Aufzeichnungen. Das nahm der Pfarrer an sich. Er las es gründlich durch und erfuhr so die ganze Geschichte: Der Mann, der seine Familie geopfert hatte, war tatsächlich Johann Marquardt, der Enkelsohn des Gauklers Rudolf Marquardt. Sein Großvater, so schrieb er, hatte diese Hallen erbauen lassen. Er war in Ägypten gewesen und als reicher Mann mit viel Gepäck zurückgekommen. Darunter, in einem eichenen Schrein, war auch der Götze Amojo mit den feurigen Augen gewesen, und sein Großvater hatte ihn unten im Keller aufgestellt. Johann zog es schon als Junge hin zu diesem Heidengott. Er meinte ihn in seinem Kopf flüstern zu hören und opferte ihm kleine Tiere, die er gefangen hatte, und manchmal auch eine Schale mit Schweine- oder Rinderblut, wenn er sie bekommen konnte, nur um diese liebliche, verlockende Stimme weiter zu vernehmen, die ihm alle möglichen Dinge versprach. Und mit der Zeit wurden die Opfer immer größer, bis er zuletzt als erwachsener Mann sich selbst und seine ganze Familie mit Rattengift umbrachte. In den weißen Sargschiffen sollten sie alle in das herrliche Land segeln, das Amojo ihm versprochen hatte. Einen treuen Knecht brachte er dazu, die Tür zu den „heiligen Hallen“ mit einem Kreuzbalken zu verrammeln, damit niemand ihre Überfahrt stören konnte. Nur Karsten, sein ältester Sohn, versuchte noch zu fliehen, als er die „Freudenbotschaft“ vernahm, und so konnte der arme Junge nicht in das Paradies einziehen, wie Johann tieftraurig mitteilte, als er - schon mit dem bösen Gift im Leib - die letzten Zeilen schrieb. Der Pfarrer erzählte Gregor und Liese, was er noch herausgefunden hatte, und dann ließ er den Götzen aus dem Keller herauftragen und draußen verbrennen, damit niemand mehr durch die starrenden Augen verführt werden konnte. Einer der Männer, die ihn schleppten, sagte zwar: „Schade, der wäre wohl etwas für das Völkerkundemuseum in Kiel.“ Aber davon wollte der Pfarrer nichts wissen. Die Vorfälle auf Haferberg kamen auch dem Bischof zu Ohren, und eines Tages musste der Pfarrer hin zu ihm und wurde streng verhört. Aber er durfte im Kirchspiel bleiben und wirkte dort noch bis ins hohe Alter. Gregor und Liese ließen später die alten Hallen mit Erde auffüllen und die Tür in ihrem Keller zumauern. Haye entwickelte sich prächtig und wurde ein tüchtiger Bauer auf einem Nachbarhof. Als seine Eltern nicht mehr arbeiten konnten, verkauften sie ihr Land und ihre Tiere. Der Hof wurde abgerissen, und sie ließen sich im Dorf ein nettes, kleines Haus errichten, wo sie ihre letzten Jahre zubrachten. Das Geschehnis auf Haferberg wurde allmählich zu einer Sage, und heutzutage wissen nicht mehr viele, was sich damals wirklich zugetragen hat. [ Kommentar abgeben ] Seite 1 von 1 |