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Dorn, der Seher An einem grauen Herbstestag hing Nebel schwer im Tale; in meiner Mutter Armen lag ich da zum letzten Male. Sie gab mich hin für schnödes Geld in kalte, harte Hände; mein Urteil, das war längst gefällt: Um mich erwuchsen Wände. Und Wände waren es aus Stein, von mächt’gem Trutz zu künden, drum sollte ich das Opfer sein, dass sie für immer stünden. Gestoßen in die Dunkelheit, in äußerstes Verderben, sollt’ ich vor Durst und Mattigkeit fürs stolze Bauwerk sterben. Doch hört’ im finstern Kämmerlein ich sanft ein Rinnsal fließen, konnt’ Berges Wasser, klar und rein, in meiner Not genießen. Ich sog an einem Stalaktit – der Kalk hielt mich am Leben; und trotzig wurde mein Gemüt: Nach Freiheit wollt’ ich streben. Mit eines Tieres Kinngebein begann ich dann zu schaben; es konnten wohl nur Engel sein, die mir die Kräfte gaben. Nach langen Jahren grauser Qual war Stein zu Staub vergangen, und ich stand wieder in dem Tal, wo alles angefangen. Die trutz’ge Burg in Trümmern lag, vom Feinde eingenommen; nie hatte ich im steinern’ Sarg ihr Schicksal hören kommen. Ringsum erhob sich tiefer Wald, gesät von dunklen Mächten; gewiss war hier manch Schrei verhallt, erstickt von Moos und Flechten. Als ich das Unterholz betrat für eine weite Reise, da folgte mir auf düsterm Pfad ein Krieger, schwarz und leise. Er hatte in der Burg geweilt und stets auf mich gelauert, nun hatte mich mein Los ereilt, wie lang es auch gedauert. Sein Schatten trieb mich fort und fort zum Pfuhl der lichten Toten; dort stand ein Eschenbaum verdorrt, mit Wurzeln voller Knoten. Von Schädeln war bedeckt die Statt, im Pfuhle glucksten Unken; da bin ich ausgelaugt und matt auf meine Knie gesunken. Und an der Esche hängte mich der Krieger auf am Kragen; mit blut’gen Augen starrte ich, der Schmerz war kaum zu tragen. Ach, meine Schmerzen wurden mehr: Nun fuhr mir in die Seite sein scharfer, giftbestrichner Speer; ein grimmer Tod mir dräute. Doch siehe, sterben konnt’ ich nicht und konnte auch nicht leben; es wurde mir das Traumgesicht, der Zweite Blick gegeben. Werd’ Dorn, der Seher, nun genannt, denn stets muss ich mich quälen, muss euch von großem Weltenbrand, von Untergang erzählen. Gar schlimme Schwert- und Beilzeit naht, Gebrüder sich entzweien, und Ehebruch und Mordes Tat will niemand mehr bereuen. Kommt Sintflut, Seuche, Feuer, Sturm, doch niemand will bekennen, so muss gar mancher Erdenwurm versinken und verbrennen. Ich klage meine Einsamkeit, die Last des Traumgesichtes, doch Schmerzen und Verlassenheit sind Zeichen des Gerichtes. [ Kommentar abgeben ] Seite 1 von 1 |