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Wunderland (1)//(2)

Jeanne Baptist (Autor) – BeitragVerfasst am: 14.03.2009, 22:16 – Wunderland (1)//(2)
Das gepolsterte rosa Sofa war von einer derartig intensiven bonbonfarbe, dass man sich nicht recht entscheiden konnte ob man darauf sitzen oder der Versuchung erliegen sollte es abzulecken. Der gesamte Raum erschlug dich mit seinem satten hellen weiß und der Kombination verschiedener greller Töne die dich regelrecht anzuschreien schienen. Der bloße Anblick rief eine tiefe Erschöpfung in dir hervor. Wie konnten menschliche Augen diese Reizüberflutung nur Tag um Tag verarbeiten(?)…und wenn ich mich in einer lila Sitzecke umbringen würde dann wäre die Wahrscheinlichkeit durch dieses Zimmer nicht zum Soziopathen zu mutieren verschwindend gering. An einer Wand nichts als gelb, rosa und blau gerahmte Fotos. In der Mitte Annas Mutter. Blumenkind. Ein Kranz Gänseblumen im Haar, das in Locken auf ihre Schultern fiel. Ihr leichtes Kleid flog im Wind. Um sie Sommerwiese und wolkenklarer Himmel. Unbeschreibliches Lächeln auf ihrem strahlenden Gesicht, das direkt in die Kamera blickte. Ich bin mir nicht sicher ob ich Annas Mutter je habe Lachen sehen. Meist saß sie scheu auf der Sitzecke. Hände im Schoss gefaltet. Gedankenverloren den Boden inspizierend. Manchmal hoffte ich sie würde den Gedanken finden, sich aufrichten und hemmungslos Lachen wie auf diesem Bild, das lediglich eine blasse Erinnerung blieb. Im Hier und Jetzt wirkte sie nahezu gestaltlos. Ebenso wie Annas Vater, der dich zwar ab und an durch seine getönten Brillengläser mürrisch musterte und dabei mit seinen Fingern über den Großen schwarzen Schnauzer fuhr der seine Oberlippe bedeckte während er seinen beachtlichen Bauch vor sich her schob. Ansonsten aber kaum mehr als kurze Brummlaute von sich gab. Diese bizarre Alice Im Wunderland Einrichtung passte zu keinem von beiden.

Meine Fingerkuppen tasteten behutsam über den glatten Überzug des Sofas auf das ich mich schließlich gesetzt hatte. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Anna noch immer im Computer versunken war. Kein surfen, mehr ein Tauchgang am Grund der verschlüsselten Dateien. Seit Stunden hackte sie angespannt auf den Tasten herum. Stützte sich dabei mit der Stirn auf ihre Hand und Seufzte dabei ab und zu genervt. Mein Kopf näherte sich der bonbon- Oberfläche. Ich streckte meine Zunge aus und fuhr leicht darüber…nichts…nicht einmal ein widerlicher Geschmack im Mund…Es war nur eine dieser absurden Vorstellungen…reine Neugier…irgendetwas musste passieren…ein EAT ME…DRINK ME, das mich in eine Welt voller Paradoxe einschloss…nichts. Beinahe enttäuscht wischte ich den feuchten Streifen, meiner Zunge ab, zog einen der quietschgelben Stühle neben Anna und setzte mich.
„Was machst du überhaupt?“
„Ich lösch die Pornos“
Sie biss sich auf die schmale Unterlippe. Wischte sich mit einer Handbewegung die braunen Fransen aus dem Gesicht.
„Wieso das denn?“
„Sie siehts. Sitzt in der Ecke und hält schön das Maul wie immer“
Ihr Mund verzog sich. Die kleinen mandelförmigen schwarzen Augen funkelten erzürnt und ihr Bein kippelte ständig auf und ab.
„Ist doch normal. Vielleicht findet sies ok. Was geht dich das eigentlich an?“
Sie sprang mit einem Satz auf und warf die Arme in die Luft. Es kam mir vor als habe sie die ganze Zeit nur auf einen Anlass gewartet ihrem Frust Luft zu machen.
„Scheiße!“, schrie sie auf den Boden stampfend.
Stemmte die Hände in die Hüfte und begann auf und ab zu laufen. Stieß dabei immer wieder mit der Fußspitze gegen die Wand. Dann blieb sie die Arme vor der Brust verschränkt am Fenster stehen, das Richtung Garten zeigte. Die viel zu weite Jeans hing an ihren dürren Beinen herab. Den Rücken gekrümmt konnte man durch ihr weißes Top sehen wie sich ihre Wirbelsäule darunter anzeichnete.
„Schon wieder?“, fragte ich schlicht.
Anna wusste was ich meinte. Drehte sich zu mir um. Augen gen Boden.
„Ja“, bestätigte sie.
Ich wartete noch immer auf die Wirkung des Bonbonsofas. Wo war es? Wo war mein weißes Karnickel. Vielleicht befand ich mich längst im Land der Paradoxe.

Es fiel mir schwer zu gehen doch schließlich eiste ich mich los.
Meine Schritte auf dem Teer fühlten sich merkwürdig an.
Verblasste Seelen ohne Ziele in den Häusern die mich umgaben.
Ich dachte an diese Nacht. Anna vor meiner Tür, hilflos die Arme ausgestreckt, der Mund tonlos auf und zu schnappend. Später ihre Stimme. ‚Sie ist 55…man 55 und hat Angst vorm allein sein“. Annas flache Hand, die auf den Glastisch fiel.
Das war es also was diese Stadt aus Beziehung machte. Aus Bindung. Dieses Gedankenhaus, das man sich zusammenbaute und das vom Leben Tag für Tag, Stein für Stein abgetragen wurde. Das ist was bleibt. Angst und Gewohnheit gemischt zu gleichen teilen. Welche Perspektive hast du in einer Stadt wie dieser? Einer Stadt die niemals erwacht. In der es nicht einmal etwas ansatzweise Ähnliches wie Underdogs gab. Zu klein. Zu klein für echtes Drama und soziale Brennpunkte. Nur Konformität, Geheimnisse, Kompensation. Das alltägliche vereinnahmt dich…Geldmangel und die neuesten Gerüchte…Selbstverleumdung und Kleinlichkeit…das macht sie aus dir…und irgendwann schwinden die Ideologien deiner Teenagerzeit, der Drang nach Rebellion…irgendwann existierst du einfach…akzeptierst. Es ist ok…komm damit klar…kein Drama…kein Gespür für echtes Leben…

Die Straße durch meine semi- präsente Schuhsohle. Die Tragödie von Interessanten Menschen umgeben zu sein ist, dass man Geborgenheit nie kennen lernt. Und das interessante ist selten das Sympathische, das Poetische, das Absolute und Extreme. Verdrängung, Leugnung und nagende Akzeptanz. Alles andere ist die Essenz von Fiktion.

Ich streife meine Füße am „Willkommen“- Teppich ab und öffne die Eingangstür.





Wir saßen zu viert, Rücken an die cremefarbenen Fließen gelehnt, in einer verwinkelten Ecke des Bades. Vielmehr war es wohl eine Art Ankleide. Die Perspektive stellte sich als äußerst günstig heraus. Während wir freie Sicht auf das gesamte Badezimmer hatten konnte man uns von der Toilette aus nicht sehen. Eine Jackie Flasche machte regelmäßig die Runde. Anna nahm erneut einen Schluck und legte sich dann auf meine Beine. Ein leichter Alkoholnebel umhüllte bereits unsere Sinne. Ich tastete behutsam meinen Hinterkopf ab. Da war diese untrügliche Ahnung…
„Sag mal…blute ich aus dem Schädel?“, fragte ich Chris.
Er schüttelte nur leicht den Kopf.
„Wieso?“
„Nur son Gefühl“
Ich rückte meinen BH zurecht und nahm den Jack an mich.
„Man starr mir nicht auf die Titten!“, herrschte ich Micha mit der Flasche auf ihn deutend an.
Er zog ertappt die Schultern ein.
„Sorry“
„Naja…eigentlich egal“, lenke ich ein „ich hab nun mal fantastische Brüste“
„Oder Anna?“, fügte ich Bestätigung suchend hinzu. Anna blickte fragend zu mir auf. Bei ihrer Statur wirkte der Alkohol wesentlich schneller als bei uns anderen. Ich deutete auf meinen Vorbau. Sie verstand.
„Die Besten!“, stieß sie ihre rechte Faust in die Höhe reckend hervor.
Chris lachte laut auf und Micha starrte errötend auf seine Füße.
„Sorry“, wiederholte er nur murmelnd.
Ich glaube wir kamen uns alle wie in der Zeit versetzt vor. Feierten im Haus von Alex Eltern, weil diese für eine Woche außer Haus waren. In dem Moment in dem wir durch die Eingangtür traten konnten wir einfach nicht aufhören und wie pubertierende Teenager zu benehmen. Zu einem Teil von und gehörte dieses Gehabe noch immer Wir standen an dieser Grenze, an der wir Gefahr liefen tatsächlich in die Ernsthaftigkeit des Lebens gesogen zu werden und um dem entgegen zu wirken begannen wir uns merkwürdig zu verhalten. Viele von den Menschen die mich umgaben lebten noch immer bei ihren Eltern sei es nun aus purer Geldknappheit oder lediglich der absoluten Leugnung einer Verantwortlichkeit für das eigene Handeln. Die meisten hangelten von einem Gelegenheitsjob zum nächsten und ignorierten diese Schwelle die immer näher kam. Ja wir wussten sie war da. Standen praktisch direkt vor ihr, doch wir wollten nicht sehen, dass dies schon alles war. Unsere Wünsche würden nicht von Zauberhand erfüllt werden. Der Weg den wir eingeschlagen hatten, war geradlinig ohne Abzweigungen. Die einzige Chance stachelige Böschungen durch die wir versuchen konnten uns zu schlagen. In stillen Momenten ist Klarheit am schmerzhaftesten. Das ist alles. Das bleibt alles. Das wird alles bleiben. Deshalb setzten wir unser Möglichstes daran die Stille zu bekämpfen.
„Ich blute echt nicht aus dem Kopf?“, wandte ich mich noch einmal an Chris.
Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
„NOCH nicht“, meinte Micha stattdessen.
Die Tür öffnete sich. Wir beobachteten wie Alex hereingewankt kam, sich wackelig an der Wand über der Toilette abstützte und unbeholfen an seiner Jeans herumfummelte. Offenbar hatte er Probleme mit der Handhabung seines Reißverschlusses. Nach einigem ungeschickten herumprobieren schaffte er es schließlich ihn aufzuziehen.
„Wir sind voll die Spanner“, zischte Micha neben mir. Ich drehte mich zu ihm. In diesem Moment ließ Chris ein unterdrücktes Glucksen von sich hören. Die braunen Haare waren ihm ins Gesicht gefallen. Er hielt sich die Hand über den Mund während sein Adamsapfel auf und ab hüpfte. Ich hob den Zeigefinger an die Lippen und bedachte ihn mit einem mahnenden Blick, was er jedoch nicht sah. Als die Tür zufiel prustete er laut los.
„Man hast du dem sein Ding gesehn?“, brachte er lachend hervor.
„Das Teil sollten wir der Wissenschaft spenden“
„Ach, meinst du deiner sieht besser aus?“, konterte ich.
„Als hättest du meinen gesehen“
„NOCH nicht“, bemerkte Micha.
Chris und ich grinsten uns an.
„Ich hab ihn gesehen“, warf Anna ein.
„Wann?“
„Aus versehn…beim zelten“
„Und?“, hakte ich nach „was sagst du dazu?“
Chris stieß mich den Mund zusammengezogen, jedoch noch immer halb grinsend in die Seite.
Anna reckte nur die Faust in die Luft.
„Der Beste“, rief sie.
Der Rest ging in Gelächter unter.
Wir verbrachten beinahe den gesamten Abend in unserer Ecke. Albernheit merzte die stillen Momente aus und wir vergaßen die Schwelle, die wir unter unseren Füßen spürten. Alles was bleiben würde war diese Stadt unter Narkose in der wir dahinzuvegetieren drohten. Irgendwann schliefen wir aneinander gelehnt ein und hofften wohl nicht allzu früh zu erwachen.


Der Dönerladen in dem wir uns meist abends oder nachts trafen war winzig – drei Tische mit je zwei Stühlen. Micha kannte den Besitzer, der uns manchmal einen ausgab. Ali, ein untersetzter Mann mittleren Alters mit schelmisch funkelnden Augen, der stets zu Scherzen aufgelegt war.
„Ich hab gehört die wollen Alex Schwanz in Pisa aufstellen“, grinste Micha seinen zweiten Döner in sich hineinstopfend. Er wusste nicht so recht wohin mit seinen langen dürren Beinen. Seine schlaksigen 1,90m lehnten soweit wie nur möglich über dem Tisch. Der blonde Pferdeschwanz hing ihm im Nacken. Die Unmengen an Nahrung die seine schlanke Gestalt verschlang hatten ihm den Spitznamen „Fettsack“ eingehandelt. Eigentlich sah er ziemlich durchschnittlich aus, nichts Auffälliges bis auf seine enorme Größe. Anders als Chris, der neben ihm saß du mit einem Plastiklöffel im scharfen Gewürz scharrte. Sobald er in Gedanken versank, fuhr er sich mit dem Zeigefinger über die hervorstechende krumme Nase, die er sich bei einer Schlägerei mit meinem Ex- Freund geholt hatte. Weshalb sie sich stritten wollte mir niemand je verraten. Jedenfalls bog sich Chris Nase seitdem ungefähr ab der Mitte stark nach links. Vielleicht ließ er deshalb seine Haare, die ihm nun ständig in die grünen Katzenaugen fielen lang wachsen. Außerdem war sein Adamsapfel ziemlich stark ausgeprägt und hüpfte wenn er lachte oder mit tiefer Stimme sprach auf und ab. Chris hatte neben diversen nervösen Ticks die Angewohnheit an der Stelle, an der sich früher sein Lippenpiercing befand herumzukauen wobei seine Zähne die aussahen wie gleichmäßig abgefeilt (jedoch durch das Rauchen vergilbt) zum Vorschein kamen. Soviel zu Chris, der Micha nun auch angrinste.
„Hab das gleiche gehört“, bemerkte er.
„Wir sind schon Arschlöcher, oder?“, fügte Chris, sich eine Zigarette in den Mund steckend, hinzu.
„Ist das n Geheimnis?“
„Was? Das wir blöde Wichser sind?“
Micha nickte.
„Nö…stand heut früh in der Zeitung glaub ich“
„Was wäre eigentlich die weibliche Form zu Wichser?“, fragte ich in den Raum.
„Ähm…Masturbier…Tussi?“, schlug Chris Rauch ausatmend vor.
„Schlecht“
„Schlecht“, stimmte auch Fettsack zu.
Ali, der kurz vor Ladenschluss meist nichts mehr zu tun hatte setzte sich zu uns. Nickte Chris zu.
„Rauchst du immer noch?“
Er schlug seinem Kunden scherzhaft mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.
„Dummer Junge!“, rief er schmunzelnd aus.
„Jede Kippe kostet dich drei Minuten deines Lebens“
„Na das hoffe ich doch, deswegen hab ich angefangen.“
Erneuter schlag auf den Hinterkopf.
„Dummer Junge.“
Dann wandte er sich an alle Drei:
„Wollt ihr was trinken?“
„Ist das ne Frage? Immer her mit den harten Sachen“
Tadelnd schüttelte Ali den Kopf „Dumme Kinder“
Stand aber auf und brachte uns je ein Glas klaren Schnaps, der schmeckte wie Ouzo.
„Runter damit und dann raus hier“ befahl er.

Ich mochte es nicht durch die Stadt zu laufen. Nachts war es allerdings ein wenig besser. Dieses Grau in Grau gepaart mit der üblichen Monotonie der Kleinstadt konnte einem mächtig aufs Gemüt schlagen. Ich plante Woche auf Woche fortzugehen, vermutlich schon seit drei, vier Jahren doch zur Umsetzung kam es nie. Ich steckte einfach fest wie die meisten in meinem Alter, die hier lebten. Was willst du tun? Pass dich an, werde sesshaft, trage die Sehnsucht nach etwas anderem in dir bis sie dich zerfrisst.
Chris und ich hatten in etwa denselben Weg nach Hause. Micha verabschiedete sich drei Straßen vor meiner Wohnung.
„Ich bin Morgen übrigens in deiner Firma“, brach mein Begleiter das nachdenkliche Schweigen. Erst da wurde mir bewusst, dass unser beider Gedanken wohl gleichermaßen abgeschweift waren. Ich blieb vor der Tür des Mehrfamilienhauses stehen, blickte die Straße hinunter, seufzte.
„Was machen wir hier, Chris?“
Er kratze mit seinen abgewetzten Schuhen auf der Oberfläche des festen Grundes.
„Sowas wie leben, schätze ich“
Sowas wie leben.




Diese Stadt, in der wir unser Leben simulierten, hatte eine Wandlung durchlaufen. Ich war immer der Annahme es Läge daran, dass meine euphemistische kindliche Wahrnehmung durch einen jugendlichen Zynismus abgelöst wurde, bis sich mir die Realität unverhüllt von der innerlichen Zerrissenheit der Pubertät darlegte. Tatsächlich hatte der Zahn der Zeit sämtlichen Glanz der einst florierenden Wirtschaft abgenagt. Selbst an Tagen, an denen die Sonne blühende Gärten nahe des Flusses, der den Ort von der Nachbarstadt trennte, beschien blieb dieses nagende Bewusstsein an einer Stelle der Welt zu sein, an der Ausdrücke wie „unbegrenzte Möglichkeiten“ jegliche Bedeutungskraft verloren. Selbst Tage die man euphorisch nennen mochte hinterließen den bitteren Nachgeschmack der Perspektivlosigkeit. „Wie bist du denn hier gelandet?“. Die Frage einer zufälligen Zugbekanntschaft hallte manchmal in meinen Gedanken nach. Unser Bahnhof – ein Gleis, ein Kartenautomat…keine Halle, kein Schalter, kein Leben. Gelandet. Wer landete schon hier? Wir Nachkommen von Gestrandeten kamen einfach nicht los. Eine der größten Städte der Umgebung sogar…Ironie kann dich verspotten. Wie bist du hier gelandet? Im Sturzflug vielleicht. Viel wichtiger: Wieso kommst du nicht weg?

Ich hatte noch nicht ganz die Klingel berührt, da riss Anna übers ganze Gesicht strahlend die Tür auf.
„Komm rein!“, befahl sie mich in den Flur zerrend.
Ich stolperte in den kalten Gang.
„Was ist?“
Sie sah sich verstohlen um, hielt sich die Hand vor den Mund und flüsterte mir kichernd wie ein kleines Mädchen zu:
„Er hat n Virus“
„Was? Wer?“
„Na der Dicke“
„Dein Vater? Ist der krank oder was? Wieso lachst du?“
„YouPorn“, bemerkte sie knapp.
Nun konnte auch ich ein Lachen nicht unterdrücken.
„Scheiße…echt jetzt?“
Anna nickte.
„Sozusagen ne digitale Geschlechtskrankheit“
„Augen auf im Internetverkehr“
Anna richtete sich auf und erhob scherzhaft den Zeigefinger.
„Immer schützen Kinder, immer schützen“
Wir hielten uns aneinander fest, da wir uns beiden vor Lachen kaum mehr auf den Beinen halten konnten. Dann nickte Anna Richtung Tür.
„Wir gehen zu dir, der Dicke ist übel drauf grad“

„Hast du eigentlich Mal die Bibel gelesen?“, fragte ich Anna als wir die Straße zu meiner Wohnung entlang liefen.
„Weil ich nix besseres zu tun hab oder was?“
„Hast du?“
Sie zuckte die Schultern.
„Jetzt nicht um es ernst zu nehmen oder so. Sind n paar lustige Geschichten dabei“
„Ne is klar“
„Im Ernst jetzt. Gerade im alten Testament. Da steht zum Beispiel drin Frauen erleiden Schmerzen bei der Geburt weil – ich glaube Eva wars – ihrem Mann nicht gehorcht hat“
„Man Gott ist n Chauvinist“
„Scheiß Eva, oder? Was die uns alles eingebrockt hat“
„Schon lustig“
„Die Bibel als Komödie“
„Pure Blasphemie“
„Pass auf – gleich kommt die Inquisition um die Ecke uns macht mich n Kopf kürzer“
„Oder es werden moderne Plagen über uns kommen“
„...wie Viren von Internetseiten?“
Wir lachten…die Gotteslästerung sollte uns Heiden vergönnt sein, denn unsere Münder waren ohnehin wie offene Gräber…
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